Krimi

Jetzt ist schon wieder was passiert

In „Brennerova“ schickt Wolf Haas seinen Ermittler Simon Brenner ins Rotlichtmilieu

Gar nicht so leicht zu sagen, warum die Simon-Brenner-Krimis von Wolf Haas ein derart großes Vergnügen sind. Das beginnt schon beim Ton, der hier angeschlagen wird. Sprachlich hat sich das Genre der Kriminalliteratur von Raymond Chandler bis Martin Suter ja eher der Sachlichkeit, der aufgeräumten Eleganz, dem Bauhaus-Stil verpflichtet. Hier ist es nun plötzlich so, als wäre unser bräsiger Wiener Onkel bei uns zu Gast und würde uns nach einem großen Schnitzel und vielen Flaschen Grünem Veltliner sehr umständlich erzählen, was der Brenner wieder erlebt hat da unten in dem kuriosen Land namens Österreich mit all seinen unheimlichen Gasthäusern, seinen trostlosen Wäldern und einsamen Menschen.

„Und der einsamste natürlich der Brenner“, würde er dann vielleicht sagen, denn seine Sätze müssen nicht vollständig sein, um zu funktionieren. Sie lauten oft so: „Im Kaffeehaus dann natürlich komische Situation.“ Oder so: „Aber interessant, was ein gutes Essen bewirken kann!“ Oder: „Um sieben Uhr früh Termin bei der Fremdenpolizei, und natürlich wegen der Herta kein Auge zugetan.“ Das Einnehmende an dieser Erzählerfigur ist ja gerade, dass sie als Figur tatsächlich greifbar ist. Dass Haas sie nicht aus dem Roman hinauskomplimentiert und zu einer Art neutralem Kameraobjektiv macht, sondern ihr alle sprachlichen Manierismen und Gedankenkurzschlüsse überlässt, die so ein Bewusstsein nun einmal ständig produziert.

Das kommt dann auch noch in dieser wunderbar gemütlichen Wiener Syntax daher. Haas hat ihr alle anbiedernden Austriazismen von „Oasch“ bis „deppert“ genommen und eine wundervolle Kunstsprache geschaffen, die schon für sich genommen Spannung produziert: Wer spricht hier eigentlich zu uns?

Und dann ist da natürlich der Brenner selbst, dem wir nun zum achten Mal in dieser 1996 gestarteten Serie begegnen. Man kann von ihm eigentlich nicht reden und von Joseph Hader schweigen, der ihn in Wolfgang Murnbergers Filmen von „Komm, süßer Tod“ über „Silentium“ bis hin zum „Knochenmann“ kongenial verkörpert hat. Simon Brenner ist der Welt etwas abhanden gekommen, seit ihn seine Verlobte verlassen hat. Er ist klein und gedrungen, er hat wässrige Augen und eine rote Nase. Wenn er lächelt, wirkt das fast behandlungsbedürftig.

Seine Geschichten beginnen traditionsgemäß mit dem Satz „Jetzt ist schon wieder was passiert.“ Diesmal nicht. Er lautet: „Früher hat man gesagt, die Russinnen“, und es folgen Erwägungen zum Russinnenklischee. Denn Brenner hat zwar eine Freundin namens Herta, aber die ist immer mal wieder weg auf Selbsterkundungstour, und dann kommt Brenner auf Gedanken. Er meldet sich in einem Forum für einsame Herzen an, lernt die hübsche Nadeshda kennen und ist Wimpernschläge später schon auf dem Weg nach Nishni Nowgorod, wo er sie treffen will. Er wird ausgeraubt und verprügelt, trifft sie schließlich doch und muss dann feststellen, dass sie ihn gar nicht als Mann, sondern vielmehr als Ermittler braucht. So ist das mit Brenner und den Frauen.

Nadeshda nämlich hat eine Schwester namens Serafima, und diese Serafima ist eines Tages aus Nischni Nowgorod abgehauen – angeblich, um eine Karriere als Fotomodel anzutreten. Allerdings ist sie dann auch gleich vollständig von der Bildfläche verschwunden, was bei einem Fotomodel dann doch wieder verwundert. Brenner fängt also an zu ermitteln in einem etwas schematisch konstruierten Tableau. Da gibt es die Männer auf der einen Seite: einen Rotlichtphilosophen und einen Tätowiermeister, einen Zuhälterkönig und unseren somnambulen Ermittler. Auf der anderen Seite die Frauen: die zwar esoterische, aber lebenstüchtige Herta, die verzweifelt-schöne Nadeshda und die abwesende Lichtgestalt Serafima. Zwischen diesen Figuren entwickelt sich eine Geschichte, deren Absurdität und zeitweilige Vorhersehbarkeit Haas genüsslich auskostet.

Denn sicher kann man sich denken, was geschehen wird, wenn zwei Männer mit abgehackten Händen in einen Operationssaal eingeliefert werden und ihnen diese Hände wieder angenäht werden sollen. Aber das ist nicht entscheidend, dass diese Hände dann vertauscht werden. Das ist nur der Abschluss einer Episode, keine Pointe. Der Weg dorthin ist pointiert genug. Haas schildert die Operation aus der Sicht einer Schwester, die einen der Chirurgen anhimmelt. Der Bewusstseinsstrom dieser Frau ist nur eines der vielen Juwelen in diesem schönen Roman. Das größte ist der Humor. Wie ist das für Brenner, wenn er in eine ausweglose Situation gerät? So: „Angefühlt hat es sich, wie soll ich sagen, als würde seine natürliche Trägheit sich zu einer für sämtliche Organe lebensbedrohlichen Superträgheit auswachsen.“

Simon Brenner in einem Satz: So etwas kann nur Wolf Haas.

Wolf Haas: Brennerova. Hoffmann und Campe, 240 Seiten, 20 Euro.