Belletristik

Bodo Kirchhoff und der Schmerz des Abschieds

Bodo Kirchhoffs Romanfiguren leiden auf hohem Niveau.

In seinem von der Kritik gefeierten Werk „Die Liebe in groben Zügen“ gaben sich Vila und Renz am Gardasee und in Frankfurts intellektuellen Kreisen Liebesfreud und -leid hin. Hinrich, Protagonist von Kirchhoffs neuem Buch „Verlangen und Melancholie“, bewegt sich in ähnlichen Milieus. Er war Kulturredakteur bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, nun ist er in Rente. Allein in seiner Wohnung in Sachsenhausen grübelt er über den Tod seiner geliebten Frau Irene nach. Der liegt schon neun Jahre zurück, Irene hat sich damals vom Goetheturm gestürzt. Warum? Die Antwort sucht Hinrich auch noch nach all den Jahren, und er beginnt eine Reise in die Vergangenheit und zu sich selbst.

Das Rätsel Irene zu lösen, gelingt Hinrich nicht, er lebt in seinen Erinnerungen an gemeinsame Reisen, das genossene Liebesglück, die wachsenden Depressionen seiner Frau und die Entfremdung. Unterbrochen wird er in seinen Grübeleien von seinem Enkel, mit dem der Großvater in einer skurrilen Episode Schwarzgeld von einer Schweizer Bank holt. Der polnische Journalist Jerzy Tannenbaum kreuzt immer wieder seinen Weg, mit einer Kassiererin aus Polen fängt er etwas an. Und dann ist da noch ein mysteriöser Brief, der eines Tages eintrifft und den zu öffnen sich Hinrich scheut.

Gewohnt kunstvoll verschränkt der 66-jährige Kirchhoff die Handlungsstränge, wechselt die Zeitebenen, seine Sprachkunst ist unbestritten – einige Spitzen gegen den Kulturjournalismus eingeschlossen. Weite Teile des Romans sind – wie schon bei „Die Liebe in groben Zügen“ – wieder in Italien angesiedelt, vor allem in Pompeji. Denn Hinrichs Tochter Naomi kuratiert in Frankfurt die Ausstellung „Eros in Pompeji“, und diese Konnotation gibt dem Romanhelden (und dem Autor) Gelegenheit zu ausgiebigen erotischen Erinnerungen. Daneben spielt Frankfurt natürlich eine große Rolle, und auch in Warschau, wo Hinrich seine Geliebte sucht und in eine Art Showdown mit Tannenbaum gerät, hat sich Kirchhoff offenbar gründlich umgesehen. Ein melancholischer Grundton bestimmt den Roman, und wenn auch die Handlung zeitweise etwas überladen wirkt, so gelingen ihm doch genaue Beobachtungen – über die Vergänglichkeit der Leidenschaft, den Schmerz des Abschieds und das Mysterium der Liebe.

Bodo Kirchhoff: Verlangen und Melancholie. Frankfurter Verlagsanstalt, 448 S., 24,90 Euro