Geschichten

Ein Sack voller Geschichten beim Erzählfestival

Märchen, Mythen und Sagen werden an drei Tagen lebendig

„Erzählen ist ein guter Kontrapunkt zu dem Fakt, dass heute alles mit Bildern zugekleistert wird, was ja durch die digitale Fotografie noch einmal zugenommen hat“, sagt Christine Lander. „Die Leute haben wieder mehr Lust zum wirklichen Austausch, weil ja viel Kommunikation mittlerweile in Kurztexten, über Mails und SMS läuft.“ Lander ist seit 2007 professionelle Erzählerin. Gemeinsam mit 15 Kolleginnen veranstaltet sie vom 5. bis 7. September das erste Festival des freien Erzählens in Berlin, das vom Erzählnetzwerk Berlin veranstaltet wird.

Wer erzählt, muss sich seine eigenen Bilder machen können. Das ist der Zauber, mit dem das Festival spielt. Außerdem sei das Erzählen die älteste Form des Theaters, sagt Christine Lander. „So hat Theater einmal angefangen.“ Wie die Bühne funktioniert, weiß Christine Lander, und das Mundwerk, wie sie es nennt, erlernte sie zunächst durch den Schwerpunkt Erzählkunst im Theaterpädagogikstudium an der Universität der Künste. Zur Zeit engagiert sich Lander in dem Berliner Schulprojekt „ErzählZeit“, sie ist mit eigenen Bühnenprogrammen unterwegs und leitet Workshops im In- und Ausland. Am häufigsten erzählt sie Märchen und Mythen, denn das seien durch die Jahrhunderte gewanderte und von vielen veränderte Geschichten mit tiefem Wahrheitsgehalt. Manchmal gestaltet Christine Lander Geschichten radikal um. Im Gegensatz zu den modernen sind Volksmärchen auch universell: die Motivik der türkischen, russischen, australischen oder koreanischen Geschichten findet sich ebenso in deutschen Märchen wieder. Es sind Historien aus dem Alltag. Berichtet wird über einen Müller oder einen Bauernhof, der überall in der Welt erstehen kann – die Erzählerin hat die Zaubermacht dafür.

Das Festival präsentiert Geschichten für Kinder und Erwachsene: unter anderem auch „Nachtwesen“, „Koreanische Märchen und Mythen“, „Lieder des Alkonost“ oder „Sex in the City“ – was nichts mit der Fernsehserie zu tun hat, sondern mit der Kurzgeschichte „Die geschenkte Nacht“ von Rana Dasgupta. Das Repertoire reicht von Anekdoten über biografische Sujets, Märchen und Sagen bis hin zu literarischen Stoffen.

Der Höhepunkt, die lange Nacht des Erzählens, findet am Sonnabend ab 20 Uhr unter dem Titel „Ein Sack voller Geschichten“ mit allen Beteiligten im Nachbarschaftshaus Friedenau statt. Darüber hinaus lädt das Festival in Galerien, Cafés, Buchhandlungen, private Salons, auf Marktplätze, insgesamt in zehn verschiedenen Stadtbezirken.Am Sonntag gibt es Veranstaltungen für Familien: „Das Kleine ganz groß“ und das Märchenfest „Sonne, Mond und Sterne“. Dazu gibt es eine Tombola oder einen Malwettbewerb. Und Lander erzählt mit dem Gitarristen Evgeny Beleninov „Loreley – Wasserwesen weltenweit“. Darin verbinden sie die berühmte Sage der Loreley mit internationalen Märchen, Mythen und Sagen.

Alle Veranstaltungen auf einen Blick unter www.berlin-erzaehlt.de