Porträt

Country aus Marzahn

Hagen Stoll hat den Gangsta-Rap des Ostens begründet und sich jetzt davon verabschiedet

Das erste Album unter seinem bürgerlichen Namen trägt den Titel „Talismann“, er selbst trägt auf der Plattenhülle Bart und Hut und amüsiert sich köstlich. So sehen Hipster aus, wenn sie Berliner Originale sind. Eine Melone auf dem Schädel und sechs Wochen nicht rasiert. Da wachsen keine tätowierten Blüten aus dem Kragen, sondern Auren von Familienbildern und der Schein des Hausheiligen: Seine Brust hat Hagen Stoll sich mit einem Porträt des Rocksängers Klaus Lage illustrieren lassen, seiner Muse. Aber wer erinnert sich noch an den singenden Sozialarbeiter mit der Nickelbrille aus dem deutschen Westen?

Im Berliner Popbetrieb gilt Hagen Stoll selbst als Exot vom Dienst. Er kam in Friedrichshain zur Welt und lebte, als die Mauer fiel, 14-jährig in Marzahn. Wer in den 90er-Jahren schon in der Stadt war und sich mit der S-Bahn über Lichtenberg hinaus wagte, konnte entlang der Linie zwischen Alexanderplatz und Ahrensfelde an den Wänden schwungvolle Graffiti unter seinem ersten Künstlernamen Razia bewundern. Als Joe Rilla in den Nullerjahren rappte er, was alle Welt von einem Eingeborenen erwartete, von einem Kind des Wohnungsbauprogramms der DDR, der Platte: Seine größten Alben hießen „Einmal um den Blokk (Ostblokk)“, „Auferstanden aus Ruinen“ und „Deutsch-Rap-Hooligan“. In Videos und auf Bildern war ein kraftstrotzender, kahlköpfiger Kerl zu sehen in Begleitung eines Kampfhunds.

Zwei singende Arbeiter

Heute kennt man Hagen Stoll als Haudegen. Gemeinsam mit Sven Gillert, einem Kindheitsfreund und Kameraden aus den Subkultur- und Straßenkriegen von Marzahn, singt er Lieder wie „Ein Mann, ein Wort“ und „Wir gegen den Rest“, zwei Märtyrer der deutschen Wende. „Die Zeiten sind rau / Die Moral liegt getreten am Boden“, heißt es auch noch 25 Jahre nach dem Mauerfall in „Flügel & Schwert“ von Haudegen. Ihre Verse werden vom Bundesinnenminister zitiert, auf T-Shirts gedruckt und auf Waden tätowiert.

Stoll nennt es „Gossenpoesie“ und „Hoffnungsmusik“, und als sie zuletzt reisten, hieß ihre Tournee „Die letzten ihrer Art“. Zwei singende und schreibende Arbeiter. Bei Markus Lanz bereiten sie im Fernsehen Rouladen mit Fleisch aus der Region, fürs Volk kreieren sie ihren McHaudegen als kalorienreichen Schnellimbiss. Sie kleiden sich wie Bierkutscher und setzen sich für Fotos in das sepiafarbene Milieu von Altberliner Schankwirtschaften. Wo das proletarische Berlin verschwunden ist, wird es vermisst.

Wenn er Joe Rilla war oder als Haudegen auftrat, ließ Hagen Stoll das Inszenierte mit dem Wirklichen verschwimmen und seine Person mit der Figur, dass einem schwindlig wurde zwischen Wille und Vorstellung. Er war ja immer so, wie man den Ostler wollte. Auf dem ersten Hagen-Stoll-Album, erklärt er den Klarnamen, sei er nun ganz und gar er selbst. Der kleine Mann kommt noch am Rand als Vagabund vor, Altberlin im Requiem auf die Kiezkneipe sowie in einem Mundart-Gassenhauer, und den Osten findet man unter den sieben Brücken, die er 36 Jahre nach der Band Karat in einem Lied erwähnt, und als Klischee bei seiner eigenen Band im Balkanfolk. Man muss da sehr genau hinhören. „Talismann“ folgt eher dem Blues und weißer amerikanischer Musik vom Land; es geht um Geld und Sorgen, Mond und Glauben. Country aus Marzahn. Der deutsche Everlast heißt Hagen Stoll.

Es ist wieder ein heiseres, aber auch überraschend heiteres Album. Fröhlich stellt der Sänger fest: „Ich hatte 1, 2, 3, 4 Leben/ Hab ich so 5, 6, 7 mal gedacht/ Es ging so 8, 9, 10 mal daneben/ Und alles andere nehm’ ich mit ins Grab.“ Man könnte dazu Polka tanzen. Seine Leben hat er bereits aufgeschrieben und veröffentlicht. „So fühlt sich Leben an“, die Memoiren eines Ost-Berliner Enddreißigers aus der Platte, wurden zum Bestseller – und Hagen Stoll zum Schwergewicht des Literaturbetriebs.

Sein Marzahn ging als „größter Abenteuerspielplatz der DDR“ in die Geschichte ein und Stoll als Held der Wende. Der Sohn eines Grenzbeamten und einer Krankenschwester, der letzte Landesmeister im Tischtennis seiner Altersklasse, das aufgeweckte Zonenkind entdeckt die Malereien an der Westseite der Mauer, wendet sich dem HipHop zu, wird Produzent und Autor in den legendären Hansa-Studios im Westen und im Hauptberuf kleinkriminell im wilden Osten. So zerknirscht wie sündenstolz schildert er Schandtaten, die immer kapitaler werden. Hagen Stoll erzählt vom einzigen Berliner Gangsta-Rapper, der sich an den amerikanischen Kollegen messen ließe und von seiner Läuterung.

Der Hut von Egon Olsen

Aber er treibt eben nicht in South Central von Los Angeles sein Unwesen, sondern am Springpfuhl in Berlin, er ist kein Gangsta, sondern ein Ganove wie sein Filmheld Egon von der Olsenbande. Auf dem Cover seines neuen Albums trägt er heute Egon Olsens Hut. Man kann das Booklet der CD so falten, dass er lacht oder erschrocken von der Platte starrt. Ein Wendecover. Wenn die Wende nicht gewesen wäre, gäbe es auch den Ganoven Hagen Stoll nicht. Wie der Getto-Gangsta hat er auf den Staat und sein Sozialprogramm gepfiffen und am freien Markt sein Glück gesucht. Mit Diebesgut oder als Türsteher, als Tiefkühlfrostbote und Putzmann in der FDP-Zentrale, als Ganovenrapper und, als er genug hatte von expliziter Lyrik und vom bösen Blick, als Sänger von Erbauungsliedern wie „Großvater sagt“.

„Ich befand mich mittendrin in einem Abschnitt der deutschen Geschichte, den man so auch nur erleben konnte, wenn man die Jahre vor und nach der Wende im Ost-Berliner Arbeiterklasse-Stadtteil Marzahn verbracht hat. Denn was als sozialistisches Utopia gedacht war, verwandelte sich in einen kapitalistischen Albtraum, der sich wiederum als fabelhafte Schule des Lebens herausstellte“, schreibt Hagen Stoll im Buch. Heute befindet er sich mittendrin in der Literatur der Wende- und Zonenkinder der Dritten Generation Ost, ein singender Clemens Meyer, der alles als Literatur betrachtet und als Textsorte: seine Erinnerungen, die Tattoos, die Lieder.

Er ist weit weg von dem Berlin, das Fler heute beschimpft, der Rapper aus dem alten West-Berlin, der gleichzeitig mit „Talismann“ sein Album „Neue Deutsche Welle 2“ veröffentlicht mit seiner Hymne „Hipster Hass“. Fler mag es nicht, das 25-Jahre-nach-dem-Mauerfall-Berlin mit seinen zugezogenen Bürgerkindern, Yogis und Veganern. Hagen Stoll, dem Einheitsmigranten aus Marzahn, dem preußischsten Gemüt der deutschen Popmusik, sind andere Hüte wurscht. Er ist sich selbst genug in seinen sonderbaren Songs.

Hagen Stoll. Talismann (Warner)