Ausstellung

Musiker ganz privat und ohne jede Pose

Historischer Blick: Cordula Groth zeigt ihre Fotografien von den Berliner Philharmonikern

Die Fotos, die bis 9. Oktober im Foyer der Berliner Philharmonie zu sehen sind, sind nicht wirklich alt. Und doch historisch. Vergangen ist nicht nur die Lebenswelt der 70er-Jahre, als die Fotografin Cordula Groth erstmals Dirigenten und Musiker der Berliner Philharmoniker vor die Linse bekam. Vergangen ist auch die Musikerwelt der 90er-Jahre, als Groth, mittlerweile eine Künstlerin, Spiel- und Probenbetrieb mit noch viel größerer Erfahrung fotografierte.

Musiker privat, in Momenten der inneren Einkehr, des Nachdenkens oder in der Natur abzulichten, ist seit der Krise der Klassik-CD-Industrie und der verzweifelten Versuche, dieser Krise mit kräftiger Bildsprache Herr zu werden, eine geradezu inflationäre Praxis. Anna Netrebko zwischen Rosenblättern, Lang Lang im Weizenfeld, das ist zu viel und zu wenig zugleich.

Cordula Groth geht einen anderen Weg. Zugang zum Orchester fand sie zunächst durch ihren Ehemann Konradin Groth, der von 1974 bis 1998 Solotrompeter der Philharmoniker war. Er ist deshalb auf zwei Bildern zu sehen. Gerade diese Aufnahmen belegen, dass die Fotografin von aufgesetzter Privatheit wenig hält. Das eine Mal sieht man Konradin Groth während eines Salzburg-Gastspiels beim dortigen Ochsenfest mit dem Horn-Kollegen Manfred Klier Jazz improvisieren. Das andere Mal schenkt Claudio Abbado Grappa aus, bei einer Tournee durch sein Heimatland Italien. Groth und andere Orchesterkollegen stehen schüchtern um den Dirigenten herum, der sich, sonst eher selbst der Schüchterne, hier sichtbar als Einziger in seinem Element fühlt.

Ansonsten konzentriert sich Cordula Groth auf das, was die Philharmoniker in ihrem Berufsalltag ausmacht – das konzentrierte Proben im Ensemble, das Ringen um das Wesen der Werke mit den besten Dirigenten der Welt. Cordula Groth wahrt die Distanz zu den Personen und kommt gerade so demjenigen näher, was deren Arbeit ausmacht: individuell zu sein, indem man sich gerade nicht als Person vor die Werke stellt. Es gibt Fotografen, die haben diese Ambivalenz klassischen Musizierens nicht so gut verstanden wie Groth. Was Musikern wirklich wichtig ist, wie schlicht und zugleich unendlich kompliziert ihr Nachdenken darüber ist, erfährt der Konzertbesucher kaum, da bringen ihn Groths Fotografien weiter. Nach einer offenbar unerwarteten Phrase sieht man Daniel Barenboim etwa Plácido Domingo breit zugrinsen – hier überwölbt die ausgeübte Kunst die private Geste.

Die ebenfalls schwarzweißen, großformatigen Dirigentenbilder besitzen, auch wenn sie teils Künstler in spontaner Aktion zeigen, stets eine gewisse Patina, etwas altertümlich Majestätisches. Das ist sicherlich das Relikt einer Zeit, in der das ikonenhafte Bild, das Herbert von Karajan vom Dirigenten verbreitete, Fotografen leitete. Cordula Groth ist zweifellos von der späten Karajan-Ära in Berlin geprägt. Wer sich das vor Augen führt, kann die Größe des Tabubruchs erahnen, den sie vollzog, als sie Karajan, unbemerkt, in einem höchst privaten Moment fotografierte: ein zaghafter älterer Herr, auf einer Bierbank am Rande des Salzburger Ochsenfestes mit seiner Frau Eliette flüsternd.