Amtsnachfolge

Zeit der Antrittsbesuche

Judaist und Katholik: Peter Schäfer hat sein Büro im Jüdischen Museum Berlin bezogen

Gleich am Eingang gibt es den Museumsshop mit Literatur jüdischer Autoren, CDs, einigen Judaica und den üblichen Schnickschnack für internationale Touristen. Den Shop wolle er unbedingt weiter führen, sagt Peter Schäfer beim Vorbeigehen, aber er hat schon einen Wunsch fürs Sortiment geäußert. Künftig solle es auch Krawatten mit dem Logo des Jüdischen Museums geben. Dezent und seriös, versteht sich. So wie er es aus Princeton gewohnt ist, wo er zuletzt an der Universität der Direktor des Studienprogramms in Judaistik war. Schäfer, 71, ist einer der führenden Judaisten weltweit. Er ist Wissenschaftler vom Scheitel bis zur Sohle, inklusive der Krawatte. In England und den USA habe jede große Einrichtung ihre eigene Krawatte, meint er.

Offiziell ist der Montag sein erster Tag als Direktor des Jüdischen Museums. Er nimmt den Zauber des ersten Augenblicks gelassen. Sein Büro ist noch ziemlich leer, sein Terminkalender voll. Bereits seit einer Woche ist er im Haus unterwegs. Einen Lieblingsort für das Foto hat er nicht. Er werde gern im Innenhof platziert oder auf der großen Eingangstreppe. Geduldig begleitet er den Fotografen durchs Museum, um eine geeignete, auch typische Situation zu finden. Nur ein Motiv möchte er nicht. Einmal habe er sich, sagt der neue Hausherr, vor dem Eingangsschild des Jüdischen Museum fotografieren lassen. Aber das sei ihm zu Besitz ergreifend.

Sein Amtsvorgänger Michael Blumenthal weilt in dieser Woche noch in Berlin. „Seine Verabschiedung steht dieser Tage im Vordergrund“, sagt Schäfer. Am heutigen Dienstag wird Blumenthal im Bundeskanzleramt verabschiedet. „Er geht glücklicherweise nicht ganz weg“, sagt Schäfer, „sondern bleibt uns als Berater unter dem Titel Gründungsdirektor erhalten.“ Er berät Schäfer vor allem auch in finanziellen Fragen, alles was Fundraising und Budget des Museums angeht. „Er kennt mich gut“, sagt Schäfer. Beide kennen sich schon seit Jahren aus Princeton. Und einen Ratschlag hat der frühere US-Finanzminister Blumenthal dem Wissenschaftler für seinen Museumsjob mit auf den Weg gegeben: Denk nach, lass Dich beraten, aber dann musst Du auch entscheiden!

„Das Museum werde ich keinesfalls zu einer akademischen Institution machen, in der ich meine Steckenpferde reite“, sagt Peter Schäfer. „Ich werde die Breitenausrichtung für Jung und Alt, Berliner und Touristen weiter verfolgen.“ In seinen Amtsantritt hinein fällt die Diskussion über die Neugestaltung der Dauerausstellung. Er nennt es lieber einen Denkprozess. Erfahrungsgemäß sind solche Dauerausstellungen spätestens nach 15 Jahren veraltet. Auch Geschichtsbilder unterliegen ständigen Wandlungen. „Wir werden uns von einigen liebgewonnenen Stereotypen trennen“, sagt Schäfer: „Dazu gehört das Denken, dass die Juden immer gegen Christen und umgekehrt waren.“ Schäfer möchte „die Juden nicht mehr nur als leidendes Objekt, sondern auch als positiv handelndes Subjekt der Geschichte darstellen.“

Sein Lieblingsbeispiel hat der Spezialist für die Antike und des frühen Mittelalters auch schon als Buch veröffentlicht. „In der Kabbala, der Mystik des Mittelalters, um 1200 herum, kommt in Südfrankreich plötzlich die Idee auf, dass Gottes Wesen aus zehn Potenzen besteht. Eine dieser Potenzen ist weiblich, und zwar genau jene, die zwischen Gott und der irdischen Welt vermittelt.“ Das war, so seine These, natürlich kein Zufall. „Im 12. Jahrhundert explodierte in Frankreich die Marienverehrung. Muster, die sich im Christentum entwickelten, wurden auch vom Judentum aufgenommen.“ Diese Schnittstellen, das Miteinander der Religionen, das Lernen voneinander, wird das Jüdische Museum wohl in seiner Amtszeit stärker herausstellen.

Für Schäfer ist es gerade die hohe Zeit der Antrittsbesuche. Möglicherweise wird dem neuen Direktor dieser Tage auch klar, wie herausgestellt, wie sensibel seine Position an einem jüdischen Museums in der deutschen Hauptstadt ist. Zumal er – was ihn von seinem Vorgänger unterscheidet – fest in Berlin, in Wilmersdorf, lebt. „Ein jüdisches Museum ist keine politische Institution, die sich ständig zum Tagesgeschehen äußern muss“, sagt Schäfer: „In die Diskussionen mischen wir uns mit unseren Wechselausstellungen ein. Dazu gehört etwa ,Haut ab!’ über die Beschneidungsfrage. So etwas können wir tun.“ Er verweist auch auf die Akademie, zu deren Programm das jüdisch-islamische Forum gehört. „Dort kam man zum Beispiel den zunehmenden Antisemitismus in Migrantenkreisen mit muslimischen Hintergrund aktiv öffentlich diskutieren, indem man sich historisch darin vertieft.“

Darüber hinaus betont Schäfer, dass das Museum eine Bundeseinrichtung sei. Konfessionelle Bindungen sind nicht vorgesehen. „Die wird es auch mit mir nicht geben“, sagt Schäfer, „denn ich bin Christ. Dann müsste ich als Katholik ja zum Bischof von Berlin gehen. Aber das werde ich nicht tun.“ Aber ja, er zahle seine Kirchensteuer.

Der neue Chef hat einen eigenen, leisen Humor. Einmal wurde er gefragt, welche Schlagzeile er gerne über sich lesen würde? Da ging ihm durch Kopf: Peter Schäfer empfängt den Papst im Jüdischen Museum Berlin. Das erzählte er seiner Frau. Das ginge gar nicht, konterte sie. Den Papst empfängt man nicht, sondern lässt sich von ihm empfangen. Das ist doch gerade der Witz, antwortete er ihr. Das ist zwar kein jüdischer Witz. Aber jetzt irgendwie schon.