Gedenken

Mrs Thatcher nannte er „Darling“

Richard Attenborough hat „Ghandi“ gedreht und war der Opa aus „Jurassic Park“. Nun ist er kurz vor seinem 91. Geburtstag gestorben

Kurz vor der Oscar-Verleihung 1982 ging Richard Attenborough mit seiner PR-Frau ins Kino. Er wollte sich einen persönlichen Eindruck von „E.T.“ verschaffen, dem großen Konkurrenten seines „Gandhi“; letzterer war für elf Academy Awards nominiert, ersterer für neun. Als die beiden aus der Vorstellung kamen, schauten sie sich betreten an. „Wir haben keine Chance“, sagte Attenborough dann. „,E.T.’ muss und wird gewinnen.“ Am nächsten Abend kam Attenborough mit acht Oscars nach Hause, darunter den wichtigsten für Besten Film, Regie, Hauptdarsteller und Drehbuch.

Die Anekdote sagt eine Menge über „Lord Dickie“, wie ihn alle nannten, der ein Vierteljahrhundert lang als Erster Staatsmann der britischen Filmindustrie fungierte. Zum einen war er großzügig; er hatte erkannt, wie brillant Spielbergs Film war, aber außer Acht gelassen, dass die Akademie das Revolutionäre selten prämiert. Zum anderen wusste er, wo seine Stärken lagen. Er war kein Mann der Pyrotechnik, ihm blieben die elektronischen Innovationen böhmische Dörfer – obwohl er, ironischerweise, der jüngeren Generation von Kinogängern als Gentechnik-Milliardär in „Jurassic Park“ bekannt wurde, dem Meilenstein des digitalen Kinos.

Ein Chronist seiner Zeit

Sucht man Adjektive für seine Filme, kommen „ernsthaft“, „ehrlich“ oder „gut gemacht“ in den Sinn. Man könnte ihn, wäre das Wort nicht als naiv verschrien, als humanitären Regisseur bezeichnen. Ihm ging immer Inhalt vor Stil, er – der im Gegensatz zu seinem Bruder, dem Naturfilmer David Attenborough, nie studiert hatte – war kein Intellektueller. Diesen Respekt vor den Menschen hat er von seiner Mutter mitbekommen. Er war 15, als die Familie zwei jüdische Mädchen aus Deutschland aufnahmen, die über den Krieg bei ihnen blieben. Vorher schon hatte die Mutter die Aufnahme von 60 Kindern organisiert, die vor dem spanischen Bürgerkrieg geflohen waren.

Man könnte bequem eine Geschichte Großbritanniens im 20. Jahrhundert (zumindest bis Thatcher) mit Attenborough-Filmen erzählen. Die prägenden Jahre eines großen Komikers im viktorianischen London – er zeigte sie in „Chaplin“. Die frühe Karriere des Winston Churchill – er erzählte sie in „Der junge Löwe“. Der Erste Weltkrieg – er fasste ihn in „Oh! What a Lovely War!“ zusammen. Das Leben in der Universitätsstadt Oxford zwischen den Kriegen – wir sehen sie in „Shadowlands“.

Auch die Disintegration des Weltreichs kann man mit Attenborough-Filmen verfolgen. In den Fünfzigern tauchte er immer wieder in Komödien auf, die den Respekt vor dem Establishment untergruben, vor der Armee („Der beste Mann beim Militär“), dem Anwaltsstand („Brothers in Law“), vor Unternehmern und Gewerkschaften gleichermaßen („Junger Mann aus gutem Haus“).

Sein Abschied-vom-Empire-Film par excellence ist „Gandhi“, in den er 20 Jahre seines Lebens steckte. 40 Filmrollen habe er deshalb abgelehnt, ein Dutzend Regieangebote ausgeschlagen, eine Hypothek auf sein Haus aufgenommen und seine Autosammlung verkauft. „Gandhi“ ist ein Spektakel alter Schule – mit einer Viertelmillion Statisten – und letztlich ein Kolonisierte und Kolonisatoren versöhnender Film; er handelt vom Helden der Unabhängigkeit und ist Lord Mountbatten gewidmet, der die Macht übergab. Auf diese Sicht der Dinge konnten sich alle einigen, wie auf den Abscheu vor der Apartheid, der 1987 (drei Jahre vor Mandelas Freilassung) in „Schrei nach Freiheit“ zum Ausdruck kam.

Attenborough war zu einer Figur im Establishment geworden und saß im Vorstand von rund 30 wohltätigen Stiftungen und Bildungseinrichtungen, darunter Unicef und die Königliche Schauspielschule. 1990 – die Filmproduktion in England war wegen Finanzierungsproblemen nahezu zum Stillstand gekommen – führte er eine Industriedelegation an, die Margaret Thatcher um Hilfe bitten wollte.

„Warum sind Sie nicht Jahre früher gekommen?“ fragte sie scheinheilig. Attenborough setzte sein charmantestes Grinsen auf: „Weil man mich nicht gefragt hat, Darling!“ Das „Darling“, muss man wissen, benutzte er häufig, weil er sich Namen schlecht merken konnte. Den von Thatcher dürfte er kaum vergessen haben, es war eine strategische Formulierung. Kurz darauf gab es die ersten Steuerbegünstigungen für Investitionen in britische Filmprojekte.

Dieses „Darling“ dürfte Attenborough nicht leicht gefallen sein. Er war wie Thatcher ein englischer Patriot, aber einer der Ritterlichkeit und Menschenfreundlichkeit und damit das Gegenteil von Thatchers Britannien. „Wir sind am besten, wenn wir unsere eigenen Geschichten erzählen“, hat er die Stärke der britischen Filmindustrie einmal definiert. Seine Tragik besteht darin, dass er diese Industrie zwar gerettet hat – aber scheinbar nur, damit sie als verlängerte Werkbank Hollywoods ihr Dasein fristet.