Konzert

Die Leidenschaft des Miteinanders

Barenboim und das West-Eastern Divan Orchestra begeistern auf der Waldbühne

Das ist schon verwunderlich. Während Ravels „Bolero“, der Klassik-Hit, zum Finale in der Waldbühne erklingt, lehnt sich der Dirigent die meiste Zeit gelassen an sein Pult, verfolgt die Musiker, die ihre Endlosschleifen drehen, greift mal hier und da mit knappen Bewegungen ein. Es ist, als wollte Daniel Barenboim zeigen, dass seine Musiker das auch alleine können. Dann kommt die gemeinsame orchestrale Entladung, das Publikum jubelt lauthals.

Rund 15.000 Besucher sind gekommen. Wenig später, es ist bereits dunkel und die Zugaben-Runde beginnt, wird sich der argentinisch-israelische Stardirigent demonstrativ hinter der Harfenistin postieren und sein West-Eastern Divan Orchestra bei einem Stück aus der Carmen-Suite gleich ganz alleine lassen. In himmelhochjauchzender Klangschönheit finden die jungen Musiker zusammen. Mehr Symbolik geht nicht.

Eigentlich ist es ein ganz normales Konzert des West-Eastern Divan Orchestra. Aber das ist es in diesem Sommer eben doch nicht. Dies erkennt man in der Waldbühne auch daran, dass im VIP-Bereich Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier neben Barenboims Ehefrau, der Pianistin und Festivalleiterin Elena Bashkirova, sitzt. Einige Plätze weiter sind Cem Özdemir von den Grünen und Gregor Gysi von der Linken zu entdecken. Die Politiker sind wohl nicht nur wegen Mozart und Ravel gekommen. Das von Daniel Barenboim vor 15 Jahren gegründete Nahost-Orchester, in dem Israelis gemeinsam mit Palästinensern spielen, ist ein Phänomen. Gerade in Zeiten des Krieges. Es gehört zu den Grundsätzen des Jugendorchesters, dass deren Mitglieder eine militärische Lösung des Nahost-Konflikts ablehnen. Sie stehen für das Miteinander. Sie machen Musik und diskutieren. Die Diskussionen sollen in der diesjährigen Probenphase besonders heftig gewesen sein.

Das Konzert in der Waldbühne ist traditionell der Abschluss, zuvor spielte das Orchester in Buenos Aires, in Barenboims Geburtsstadt, beim Lucerne Festival, den BBC Proms und den Salzburger Festspielen. Auf den ersten Blick ist auch das Berliner Finale ein leichtfüßiges Sommerprogramm. Mozarts letztes Klavierkonzert wird zu Beginn voller Leichtigkeit und Durchsichtigkeit vorgeführt. Barenboim sitzt am Klavier und verführt mit dem feinen Changieren zwischen den Stimmungen. Das Orchester und der Pianist sind voller Einverständnis. Es ist bezaubernd schön für einen kühlen Sommerabend.

Die eigentliche Überraschung ist der Ravel. Die Rhapsodie Espagnole und zwei orchestrierte Klavierstücke hat Barenboim aufs Programm gesetzt. Auch das hat etwas Symbolisches. Denn das Spanische steckt in seinem West-Eastern Divan Orchestra. Man probt in Sevilla, dort in Spaniens Süden, wo einst die Weltreligionen friedlich nebeneinander blühten, und im Orchester spielen viele junge Spanier mit. In der Rhapsodie sind Tänze wie die Habanera enthalten, und Barenboim schwingt schon mal am Pult die Hüften.

Aber etwas anderes führen die Musiker auf wunderbare Weise vor. Die Stimmen, die Rhythmen, die Klänge müssen erst zueinander finden. Diese Musik entwickelt sich aus versprengten Motiven, die aufeinander reagieren und etwas wie ein gemeinsames Leben entstehen lassen: eine Leidenschaft des Miteinanders.

Auf die Höhepunkte folgen harsche Zusammenbrüche. Doch auch in diesen katastrophischen Situationen findet die Musik gleichsam aus den motivischen Trümmern wieder zu einer gemeinsamen Sprache.

So scheint an diesem Abend gerade Ravels Musik die Idee des West-Eastern Divan Orchestra am besten zu offenbaren. Das nächste Konzert in der Waldbühne ist bereits für August 2015 angekündigt.