Film

Götterblick auf den Mythenvater

In der Dokumentation „Rheingold“ erzählt der Lieblingsfluss der Deutschen seinen Weg

Eingängiger als Novalis alias Friedrich von Hardenberg hat niemand das Prinzip des Romantischen formuliert: „Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es.“ Hätte er etwas von Fliegerei und Filmtechnik gewusst, hätte er wahrscheinlich hinzugefügt, dass sich zum Romantisieren der Hubschrauber in Verbindung mit dem Cineflex-Kamerasystem besonders gut eigne, vor allem, wenn der Pilot seine Flugkünste bedingungslos in den Dienst der Poetisierung der Welt stelle.

Bilder aus 500 Metern Höhe

Das Novalis-Diktum geht einem nicht aus dem Sinn, wenn im Kino Peter Bardehles und Lena Leonhardts „Rheingold“ über die Leinwand rauscht. Es beschreibt präzise die Ästhetik dieses Films, den man mithin als wahrhaft romantisches Kunstwerk bezeichnen darf – nicht wegen seines Gegenstandes, des alten Mythenvaters Rhein, der ohnehin immer noch für jede Form von Trivialromantik gut ist, sondern wegen seiner Technik, die das ins Werk setzt, was Novalis „Romantisierung“ nennt, eine „qualitative Potenzierung“ des Alltäglichen, die den Künstler den „ursprünglichen Sinn“ wiedererkennen lässt.

Für Geheimdienste ist die Cineflex-Technik entwickelt worden, was ihr romantisches Wesen unterstreicht. Ihr Zoom-Potenzial ist überwältigend. Noch aus 500 Metern Höhe liefert sie detailscharfe Bilder. Vibrationsfrei am Hubschrauber montiert ermöglicht sie einen ruhig schwebenden Götterblick, der dem Gesehenen jenen hohen Sinn, jenes geheimnisvolle Ansehn, jene Würde des Unbekannten gibt, welche die Poetisierung, also die wahre Erkenntnis der Welt ausmachen.

Peter Bardehle hat die Cineflex-Hubschraubertechnik schon bei anderen Dokumentarfilmen eingesetzt und „Die Alpen – Unsere Berge von oben“, „Die Ostsee von oben“ und „Die Nordsee von oben“ gefilmt, sich aber noch nie zu einer solch geschlossenen Filmerzählung aufgeschwungen wie mit „Rheingold – Gesichter eines Flusses“. Der Bilderstrom speist sich tatsächlich ausschließlich aus Luftbildern. Es gibt, anders als bei „Deutschland von oben“ von Freddie Röckenhaus und Petra Höfer, dem bisher spektakulärsten filmischen Überflug-Epos, keine „Zwischenlandungen“, keinen Bodenkontakt, keine Protagonisten außer dem Fluss in der Landschaft, dem die Kamera folgt, mal aus großer Höhe in ruhiger Totale, mal in kühnem Flug durch Schluchten und Industriereviere.

Eineinhalb Stunden lang also schwebt und saust der Zuschauer durch die Luft. Das allein schon erzeugt das Gefühl einer gewissen Entrücktheit und jenen leichten Schwindel, der im Gemüt den Boden für das Märchenhafte bereitet. Und diesen Boden bearbeiten Ben Becker, der dem Rhein seine knarzende Stimme verleiht, und Richard Wagner mit dem Walhall-Motiv aus der Oper „Rheingold“ nach Kräften. Eigentlich sollte man meinen, dass heute so etwas nicht mehr gehe – ein Fluss erzählt in der Ichform seine eigene Geschichte wie in einem Märchenbuch als uralter Mann, dessen Grausamkeit und Güte in zeitloser Abgeklärtheit verschmolzen sind. „Ich habe schon Menschen auf ihrem Nachtlager ertränkt“, raunt der Rhein. An den Basler Chemieunfall erinnert er sich mit den Worten: „Plötzlich schnürte es mir die Luft ab.“

Erstaunlicherweise hat es aber überhaupt nichts Verstaubtes oder Verschmocktes, wenn der Vater Rhein durch Beckers Mund direkt zum Zuschauer spricht. Man freut sich mit ihm, man leidet mit ihm, man weiß sich auf eine kluge und angenehme Art auf den Arm genommen. Und damit das Fabulieren nicht ausufert, ist dem Rhein eine Sprecherin zur Seite gestellt, eine Dame, die mit angenehmer Stimme der Realität zu ihrem Recht verhilft. Eine weitere Überraschung bietet die Musik. Es ist kaum zu glauben, wie dezent Wagner sein kann, wohl magisch, aber nicht auf Überwältigung aus. Die Komponisten Steffen Wick und Simon Detel arbeiteten mit einer kammermusikalischen Besetzung, einem Streichquartett, dem Bläser beigegeben sind. Die Bilder, die Stimmen, die Musik – dieser Dreiklang ist wahrlich meisterhaft gefügt.

Wichtige Wasserstraße

Vom Gotthard-Massiv, wo seine beiden Quellflüsse, der Vorder- und der Hinterrhein, entspringen, bis zur Mündung in die niederländische Nordsee legt der Rhein 1238 Kilometer zurück. Als Schweizer wird er geboren, er berührt das Fürstentum Liechtenstein, verbindet und trennt als Grenze die Schweiz und Österreich und von Basel an Frankreich und Deutschland, als Holländer legt er seinen Namen ab und verzweigt sich wieder. Von Basel bis Rotterdam dient er als wichtigste europäische Wasserstraße. Zwei Wochen braucht das Wasser für diese Strecke. Hochrhein, Oberrhein, Mittelrhein und Niederrhein heißen seine Hauptabschnitte, die jeweils ihren ganz eigenen Charakter haben. Es ist aber nicht das Anliegen von „Rheingold“, solches und noch weiteres Allgemeinwissen über den „europäischen Strom“ zu vermitteln. Das kann man in jedem Lexikon nachlesen. „Rheingold“ verspricht, den Rhein und seine Landschaften so zu zeigen, wie sie noch nie gesehen wurden.