Bühne

Die Welt neu entdecken mit Jefta van Dinther

Der niederländische Choreograf lebt in Berlin und zeigt bei Tanz im August „Plateau Effect“

Suchscheinwerfer gleiten über nachtgrauen Stoff, der in wilden Wellenbewegungen wogt, begleitet von hypnotischem Surround-Sirenensound. Dann fährt der bühnenhohe Vorhang zu Boden, und die neun Tänzer, die den Stoff eben noch dramatisch bewegt haben, knüpfen ihn vom Zug ab, als seien sie Bühnenarbeiter. „Plateau Effect“, von Jefta van Dinther für das schwedische Cullberg Ballet choreografiert, ist mal sinnlich überwältigend, mal von handwerklicher Nüchternheit. Kommende Woche ist das Stück im Rahmen von Tanz im August an der Volksbühne zu sehen.

Vertrautes wird fremd

Ein Schiff und seine Besatzung sehen Zuschauer und Kritiker in „Plateau Effect“: Der Vorhangstoff wird (aus-)gerefft wie Segel und in sturmartig flackerndem Licht rufen die Tänzer einander Kommandos zu. Ein Katastrophenszenario oder den Kampf gegen den Klimawandel erkennen andere, weil die Tänzer gemeinsam ein fragiles, zeltartiges Konstrukt errichten, in blutrote Lichtblitze getaucht. Eigentlich ging es Jefta van Dinther nur um temporäre architektonische Gebilde, wie er erzählt. „Aber ich mag es, dass meine Arbeiten ein assoziatives Feld für die Zuschauer bieten“, sagt der Choreograf beim Kaffee im Graefekiez. Seit 2008 lebt er in Berlin, wohnt in Kreuzberg. „Der Liebe wegen“ kam er damals hierher. Heute pendelt er zeitweise nach Stockholm. Dort sitzt sein Management, dort erhält er finanzielle Förderung und war bis zu diesem Jahr Direktor des Masterprogramms Choreografie an der Hochschule für Tanz und Zirkus.

Mit „Plateau Effect“, beauftragt vom Cullberg Ballet und damit einer der renommiertesten Tanzinstitutionen Schwedens, wenn nicht gar weltweit, hat Jefta van Dinther erstmals im ganz großen Bühnenformat gearbeitet. Bekannt machten ihn konzise choreografische Versuchsanordnungen: Monochrome, mitunter düstere Exerzitien wie „Grind“ oder „This Is Concrete“, in denen die Tänzerkörper sich an einer Aufgabenstellung erschöpfen, an Materialien wie Kabeln, Säcken oder Lautsprecherboxen abarbeiten und zur durchlässigen Membran werden für die rhythmischen Clubsounds, die van Dinthers Performances häufig begleiten. In „The Blanket Dance“ ertasten drei Performer Alltagsgegenstände und ebenso die Körper der anderen wie ihnen völlig unbekannte Artefakte – Vertrautes wird fremd, die Welt zu einem Ort, den man neu entdecken kann.

Auch humorvolle Miniaturen hat der niederländische Tänzerchoreograf ersonnen, der seit 2008 seine eigenen Arbeiten entwickelt: „It’s in the Air“ feiert die Schwerelosigkeit, und obwohl van Dinther im Duo mit der Choreografin und Tänzerin Mette Ingvartsen lediglich Trampolin springt, ist die Folge virtuoser, komischer, bizarrer Bewegungen durchgängig unterhaltsam und überraschend.

Eine schwebende, nicht auf einen Punkt fokussierte Aufmerksamkeit erzeugen Jefta van Dinthers Choreografien durch wechselnde Intensitäten und die schiere Dauer an sich simpler Vorgänge – als ereigneten sie sich am Rande der Wahrnehmung. Gleichzeitig kann man sich ihnen kaum entziehen: Raumgreifend und durchdringend sind sie auch für die Zuschauer eine Ganzkörpererfahrung. Noch in die letzte Muskelfaser dringen die Beats von „Grind“, die van Dinthers mittlerweile kontinuierlicher Co-Kreateur David Kiers ersonnen hat.

Mit seiner „kleinen Familie“, zu der auch die Lichtdesignerin Minna Tiikkainen und die Bühnenbildner Simon Häggblom und Karin Lind, kurz Simka, gehören, hat van Dinther „Plateau Effect“ gestaltet. Testweise hatte das Cullberg Ballet zuvor schon van Dinthers erste Choreografie ins Repertoire übernommen, „The Way Things Go“ aus dem Jahr 2009, die von der bewegten Installation „Der Lauf der Dinge“ des Künstlerduos Peter Fischli und David Weiss inspiriert ist. Die Zusammenarbeit verlief für van Dinther wie das Cullberg Ballet erfreulich: Das Haus war ausverkauft, „Plateau Effect“ tourt weltweit. 2016 ist eine weitere Kooperation geplant, diesmal für alle 16 Tänzer des Ensembles.

Jefta van Dinther hat Glück, seit seinem internationalen Durchbruch mit „Grind“ ist er ausgebucht. Einem Stück, das ohne die Berliner Clubkultur nicht denkbar wäre. Die kennt er gut. Im Moment probt er eine neue Produktion, „As It Empties Out“, die Ende Oktober auch im Hebbel am Ufer (HAU) zu sehen sein wird. Anders als bislang wird er hier nicht einen Grundzustand performativ erschöpfen, sondern fünf verschiedene Szenen aneinandersetzen, mit harten Schnitten: „Von Gothic bis himmlisch“ reiche dabei die Anmutung, so van Dinther.

Für ihn ist „As It Empties Out“ auch die Wiederentdeckung der Transzendenz. Von Kindheitserinnerungen, könnte man auch sagen: Seine Eltern waren Missionare, die mit Bibelaufführungen an öffentlichen Orten um Gläubige warben. So etwas prägt.

Eine Blume in der Schöpfungsgeschichte, das war van Dinthers erste Bühnenerfahrung. Sein Vater stellte Gott dar, seine Mutter den Teufel. Als Jugendlicher trat er aus der Kirche aus und wandte sich vom Baptismus ab, aber ein eher pragmatischer Hang zum Immateriellen scheint ihm erhalten geblieben zu sein. Weiß man darum, sieht man diesen Einfluss auch in anderen Arbeiten, wirkt van Dinthers Werk doch ohnehin wie ein Kontinuum, in das er mit jedem Stück neu eintaucht, um einen je anderen Aspekt an die Oberfläche zu holen. Was er bei seinen choreografischen Tauchgängen birgt: An der Volksbühne und am HAU kann man es erleben.

Tanz im August „Plateau Effect“, 30. August, 20 Uhr, in der Volksbühne, um 15 Uhr gibt es eine „Physical Introduction“. Karten: Tel. 259 004-27 oder im Internet