Geigensammler

Fluch der Exklusivität

Virtuosen schwören auf ihre Stradivari, reiche Privatsammler aber auch

Spott und Schadenfreude sind immer auch dabei, wenn sich Experten geirrt haben. Wenn es etwa um Bilder geht, die sie nicht als Fälschungen erkannten. Oder wenn geschulte Ohren bei der „Blindverkostung“ von Meistergeigen echte Stradivaris nicht heraushörten und modernen Instrumenten die besten Ränge einräumten. Doch die berühmten Solisten kann das nicht irritieren. Sie schwören auf ihre „Strad“. Anne-Sophie Mutter zum Beispiel besitzt zwei dieser Meistergeigen: die „Emiliani“ von 1703 und die „Lord Dunn-Raven“ von 1710. Denn Stradivaris Geigen, Bratschen, Celli tragen meist die Namen berühmter Vorbesitzer. Und die Jahre zwischen 1700 und 1720 gelten als „Goldene Periode“, in der Antonio Stradivari seine besten – und inzwischen teuersten – Instrumente schuf.

Aber auch die, die zuvor oder danach entstanden, haben ihren Preis. So zahlte Maxim Vengerov, der über vier Stradivaris verfügt, 1998 in London bei Christie’s 947.500 Pfund Sterling für die „Kreutzer“ von 1727. Ihren Namen hat sie von Rodolphe Kreutzer, dem Beethoven die berühmte „Kreutzer-Sonate“ widmete. Dem vielseitigen Violinisten tat er damit jedoch offensichtlich keinen Gefallen. Er hielt die Komposition für „unspielbar“. Deshalb erklang sie, solange er lebte, auf keiner der vier Stradivaris, die er besaß. Nicht weniger waren auch im Besitz des einflussreichen belgischen Geigers, Kapellmeisters und Komponisten Eugène Ysaÿe. Aber Niccolò Paganini stellte sie alle in den Schatten. In seinem Nachlass sind allein sieben Violinen, zwei Violen und zwei Celli von Stradivari verzeichnet.

Damit können sich heute nur Institutionen wie die Nippon Music Foundation messen, die 2007 das Cello „Dupont“ von 1711 erwarb, das zuvor Mstislaw Leopoldowitsch Rostropowitsch gehörte – für 20 Millionen US-Dollar, den bisher höchsten bekannt gewordenen Stradivari-Preis. Und bereits 1993 kaufte sie von der Corcoran Gallery of Art für 15 Millionen Dollar zwei Violinen, eine Viola und ein Cello, auf denen das Tokyo String Quartet spielt. Denselben Luxus leistet sich das Stradivari Quartett, das ebenfalls für alle vier Stimmen über eine Stradivari verfügt. Die Philharmonischen Stradivari-Solisten, eine Kammermusikformation der Berliner Philharmoniker, vereinen elf Instrumente des Meisters – neben zwei vollständigen Quartetten drei weitere Violinen – und bilden damit womöglich die weltweit größte Stradivari-Sammlung, die zusammen im Konzert erklingt.

Heutzutage erwerben zumeist gemeinnützige Institutionen die Instrumente, um sie an junge Talente oder arrivierte Solisten auszuleihen. Oder reiche Privatleute kaufen sie als Prestigeobjekte, wobei auch sie sie meist einem Musiker überlassen. Denn die Instrumente müssen gespielt werden, wenn sie nicht ihren Klang einbüßen sollen. Von den mehr als 1200 Instrumenten, darunter auch Gitarren und eine Harfe, die Stradivari gebaut hat, sind rund 600 Violinen, 60 Celli und zehn oder zwölf Bratschen erhalten. Etwa zwanzig wechseln pro Jahr den Eigentümer. Meist über die Handvoll spezialisierter Händler, seltener in Auktionen. Nach der Liste, die das Auktionshaus Tarisio zusammengestellt hat, wurden seit 1829 insgesamt 253 Stradivaris in Auktionen aufgerufen, davon 193 zugeschlagen, und 60 gingen zurück. Diese Erfahrung blieb in den letzten Wochen auch Sotheby’s nicht erspart. 45 Millionen Dollar galten als Limit für die „Macdonald“. 1964 hatte sie der Konzern Philips für 81.000 Dollar (damals 322.000 Mark) gekauft und sie Peter Schidlof, dem Bratschisten des Amadeus-Quartetts – das einen exklusiven Vertrag mit der Philips-Tochter Deutsche Grammophon hatte – überlassen. Doch auf diesen Preis ließ sich niemand ein: Nach Schätzung der New Yorker Geigenhändler Carpenter wären 20 bis 25 Millionen ein realisierbarer Preis.

Am Imbissstand gestohlen

Dagegen hatte Tarisio mit der „Ex Kym“ mehr Glück. Für 1,39 Millionen Pfund ging die Stradivari von 1696 an ein britisches Musik-Festival. Damit endete eine der nicht seltenen Kriminalgeschichten um die berühmten Geigen. Der Solistin Min-Jin Kym war die Violine 2010 gestohlen worden, als sie sich in der Londoner Euston Station einen Snack kaufte. Die Diebe, ein älterer Mann und zwei Jugendliche, die bald darauf verhaftet und verurteilt wurden, hatten sie für hundert Pfund bei einem Pfandleiher versetzen wollen. Das funktionierte nicht. Und so blieb sie drei Jahre verschollen. Da Kym inzwischen eine andere Stradivari gekauft hatte, ließ die Versicherung das wiedergefundene Instrument versteigern.

Abenteuerliche Geigendiebstähle gibt es viele, etwa diese New Yorker Geschichte. Bronisław Huberman, dem als Wunderkind ein Mäzen die „Gibson“ geschenkt hatte, wurde die Geige 1936 während eines Konzertes in der Carnegie Hall gestohlen. 49 Jahre später gestand ein Wandermusiker seiner Frau auf dem Totenbett, dass er die Geige seinerzeit gestohlen hätte. Huberman waren damals 30.000 Dollar vom Versicherer Lloyd’s gezahlt worden. Nun bekam die Witwe des Diebs 263.000 Dollar „Finderlohn“. Nach einem Diebstahl tauchen die teuren Instrumente oft an den eigenartigsten Orten wieder auf. Es dauerte vier Jahre und kostete ein ordentliches Lösegeld, ehe Pierre Amoyal seine „Kochanski“, 1987 gestohlen, wieder in Händen hielt.