Schlagerolymp

Gemeinsames Träumen auf der Wiese

Die Hände strecken sich in den Himmel: 15.000 Besucher beim „Schlagerolymp“ in Reinickendorf

Wenn man zwischen geschätzten 15.000 Besuchern des „Schlagerolymps“ steht, auf einem ehemaligen Müllberg in Lübars, auf der einen Seite das Märkische Viertel und auf der anderen Seite der ehemalige Todesstreifen und in naher Ferne der Bezirk Pankow, und wenn man dann in die Augen der Menschen bei ihrer Polonaise schaut, und das „Ey jo, was geht“ mitsingt, dann bekommt man ein Gefühl dafür, was Deutschland eigentlich bedeutet. Auf dieser abschüssigen Wiese kommen viele Träume und Wünsche der Nation zusammen.

Zum dritten Mal findet der „Olymp“ hier statt. Beim ersten Mal kamen tausend Leute. Und jetzt ist diese ganze Wiese voll. Der Sänger Buddy steht gerade auf der Bühne und singt „So lang der DJ nicht ins Bett geht“. Schlager, das merkt man sofort, hat mit Bergen nur noch wenig zu tun. „Die Stimmung ist ganz oben, wir toben im Takt / der ganze Club brennt, wer jetzt pennt, der hat was verpasst“, heißt es im Text von Buddy, einem gelernten Gas- und Wasserinstallateur aus Berlin. Und das ist so anrührend. Berlin und seine Clubs sind nur 20 Minuten entfernt, und doch war wohl keiner der Zuschauer jemals dort. Das Berghain kennen die Feiernden nur vom Hörensagen. Fast 20 Künstler treten an diesem Tag in Reinickendorf auf. Nino de Angelo, Bernhard Brink, Annemarie Eilfeld, DJ Ötzi. Kurz sind die Konzerte. Im Programm steht zum Beispiel, dass Mathieu Pastel von 16.25 bis 16.32 Uhr spielt. Zwischen 17.40 und 17.50 Uhr sind Marco Lessentin & Fresh Fox angekündigt. Die Künstler spielen in Youtube-Click-Geschwindigkeit. Bloß nicht die Aufmerksamkeitsspanne überschreiten. Und dann einfach mal wieder die Hände zum Himmel.

Es ist friedlich hier. Irgendwie hatte man erwartet, dass sich wie am Ballermann spätestens nach zwei Songs irgendjemand auf die Fresse haut. Aber in Lübars haben die Menschen einfach Spaß an der Musik. Der Bürgermeister von Berlin-Reinickendorf ist gekommen. Er trinkt ein Bier im VIP-Bereich und schwärmt vom „grünsten Bezirk der ganzen Stadt“. Sein Erfolgsrezept: „Ist etwas sauber, hindert es jemanden daran, Dreck wegzuschmeißen.“ Deswegen wird der Bezirksbürgermeister auch am Dienstag den ehemaligen Müllberg inspizieren, und schauen, ob die Zigaretten und Bierbecher weggeräumt wurden.

Auf dem Zuschauerfeld begegnet einem DJ Ötzi. Er raucht. Ein Assistent zieht seinen Koffer. Ötzi wird bis zu seinem Auftritt sein kleines Backstage-Zelt nicht verlassen. Er wird noch mehr rauchen. Schlagersänger vor dem Auftritt sind nervös, wie Stiere beim Stierkampf. Schlager ist auch Anspannung.