Auszeichnung

Scheue Tänzerin

Meg Stuart wurde zur „Choreographin des Jahres“ gewählt

Die Choreographin und Tänzerin Meg Stuart ist seit langem nicht mehr wegzudenken aus dem zeitgenössischen Tanz. Jetzt wurde sie von den Kritikern der Fachzeitschrift „tanz“ zur „Choreographin des Jahres“ gewählt. Die US-Amerikanerin, die aus New York kommend in Europa Karriere machte, ist eine prägende Figur auch der Berliner Tanzszene: Hier lebt sie, kooperierte lange Jahre mit der Volksbühne und ist dem Hebbel am Ufer eng verbunden, hier war auch nahezu ihr gesamtes Werk zu sehen.

Vielfältige Formen hat ihr Schaffen angenommen seit ihrer ersten Choreographie „Disfigure Study“ (1991), von Improvisationen im intimsten Rahmen bis zu großen Tanztheaterproduktionen. Von letzteren blieb „Alibi“ (2001) nachhaltig in Erinnerung, ein dystopisches Katastrophenreaktionslabor, in dem vereinzelt wirkende Individuen in minutenlange Schüttelkrämpfe ausbrachen – eine monotone Bewegung von verstörender Gewalttätigkeit, der man in Folge auf den Tanzbühnen häufiger begegnete. Derart düster sind nicht all ihre Arbeiten, viele von ihnen vermitteln eine ganz eigene Atmosphäre aus Melancholie und Heiterkeit – eine der zahlreichen, unangestrengten Ambivalenzen, die auch Stuarts Bewegungssprache kennzeichnen.

Als Tänzerin wirkt sie so kraftvoll wie verletzlich, und ihren Körper, den sie souverän beherrscht, macht sie im Tanz zum Spiefeld verschiedenster Kräfte und Energien. Initiiert von mentalen Zuständen, Bildern oder Worten, entstehen an diversen Glieder- und Gelenkpunkten eigenständig Bewegungen, bis das Körperbild zerfließt, verzerrt oder derart multizentrisch erscheint, dass man nicht mehr glaubt, ein gegen die Außenwelt klar abgegrenztes Individuum vor Augen zu haben. Diese Vorstellung von Person und Persönlichkeit würde Meg Stuart vermutlich ohnehin verwerfen.

Als scheu gilt die Choreographin, und sie ist gänzlich uneitel. So entstand auch ihr Solo-Abend „Hunter“, der im März am HAU Premiere feierte und für den sie jetzt von den Tanzkritikern gewürdigt wurde, aus einem inwändigen, forschenden Interesse heraus. „Wie kann ich all die Einflüsse verarbeiten, die mich geprägt haben?“, fragte sie sich. Und ordnete Erinnerungen an ihre Kindheit, die Einflüsse anderer Künstler, die Erkundung des Körpers als Tanzarchiv, in dem alle einmal gemachten Bewegungen und Erfahrungen gespeichert sind, und schamanistisch-rituelle Vorgänge zu einer dramaturgisch sorgfältig komponierten Szenenfolge.

Meg Stuart ist 1965 in New Orleans als Tochter von Theaterdirektoren geboren worden. Tanz hatte sie in New York, wo sie in die Szene eintauchte, studiert. In der Anmutung milde versöhnlich, erweckt „Hunter“ jetzt den Anschein einer Zwischenbilanz, aber auch eines Geschenks an ihre treuen Zuschauer: So persönlich war sie noch nie. Im Gespräch merkt man, dass „Hunter“ für Meg Stuart keinen Abschluss bedeutet, sondern einen Neubeginn. Derzeit löst sie sich leicht aus den institutionellen Zusammenhängen, in die sie eingebettet war: Seit „Alibi“ war ihre Compagnie Damaged Goods stets in fester Freiheit mit einer Theaterinstitution verbunden, bis vor kurzem kooperierte sie mit den Münchener Kammerspielen. Vielleicht sind es diese Lockerungen, die Meg Stuart neu beflügeln.

Eine Wahl zur „Choreographin des Jahres“ rechtfertigen sie allemal. Der am Tanztheater Wuppertal engagierte Australier Paul White und die aus Moskau stammende Ballerina Natalia Osipova sind die „Tänzer des Jahres“. Zur „Kompanie des Jahres“ wurde wie bereits im Vorjahr das Ballett am Rhein unter der Leitung von Martin Schläpfer gekürt.