Tanz im August

Ein Hauch von Punk und Anarchie

Am heutigen Freitag beginnt das Festival „Tanz im August“ mit der neuen Leiterin Virve Sutinen

„Ihr seht aus wie die Backstreet Boys“, scherzt Virve Sutinen, bevor sie das Mikrofon an die drei Choreografen des Festivals „Tanz im August“ im Hau2 übergibt. Das Lachen der Kuratorin ist ansteckend. Auch die drei Männer amüsieren sich über die Boyband-Anspielung. Gelassen sitzt Virve Sutinen mit dem Brasilianer Eduardo Fukushima, dem New Yorker Trajal Harall und dem Schweden Jefta van Dinther auf der schwach beleuchteten Bühne des Theaters.

Dass sich eine internationale Jury für die 52-jährige Finnin als Festivalleiterin entschieden hat, überrascht angesichts ihrer charmanten und klugen Art nicht. In Stockholm war sie seit 2008 Leiterin des Dansens Hus, führte davor von 1997 bis 2007 das Kiasma Theater in Helsinki. Sutinen begeistert, wenn sie übers Tanzen spricht. „Ich persönlich liebe das Tanzen, es ist gesund und wichtig. Wir bewegen uns zu wenig“, kritisiert sie.

Für das Berliner Programm will sie neue Impulse setzen, kleine, radikale Experimente, so nennt sie das. „Ich bin ja Punk“, sagt sie. Ein Hauch Anarchie soll sich darum in der Programmgestaltung widerspiegeln. Sutinen will wenig Vorgaben machen. Das Programm soll bewusst keinen roten Faden haben, sondern Konzepte aufgegriffen. „Heterotopie“ ist eines davon. Ein Begriff, den der französische Philosoph Michel Foucault geprägt hat. Gemeint sind damit Orte, an denen Utopien entwickelt werden.

„Das Theater ist ein besonderer Ort, an dem man relativ viel Freiheit genießen kann“, schwärmt sie. Ein Spielplatz für Erwachsene. Und ein Raum zur Identitätsfindung. „Wer wir sind und wie wir in dieser Welt agieren, das sind immer noch zentrale Themen für mich“, sagt sie. Während sie spricht, wird alle vier Sekunden ein neues Bild auf der weißen Leinwand projiziert. Definierte Körper, ästhetische Posen. Sutinen setzt in diesem Jahr viel auf Körperlichkeit.

Mit Trajal Harall wird sie gleich zum Auftakt des diesjährigen Festival eine Provokation wagen. Er gilt als das „enfant terrible“ der amerikanischen Tanzszene und verkörpert in New York eine neue Generation von Choreografen. Harall betitelt seine Aufführungen nach Kleidergrößen XS, S, L, XL – und produziert sie in den entsprechenden Formaten. Geprägt vom Voguing-Stil, der Anfang der 60er-Jahre in der Ballroom-Szene von Harlem entstand und durch Madonna wieder populär wurde, geht er der Frage nach den Ursprüngen des westlichen Theaters nach. Mit dem Zyklus „Antigone Sr./Twenty looks or Paris is Burning at the Judson Church“ will er eine Öffnung anregen. Sein Debüt in Deutschland gibt Eduardo Fukushima gleich mit drei Soli. Sein neuestes Stück „The Crooked Man“ wird im Garten des Schinkel-Pavillons gezeigt. Es ist der Tanz eines Mannes, dessen Werte sich ständig ändern. Das Stück wurde 2013 in Taiwan entwickelt. Die beiden früheren Soli, die im Hau3 gezeigt werden, untersuchen Bewegungen, die aus Erschöpfung und Auseinandersetzung entstehen.

Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit wird die Eröffnungsrede heute um 19 Uhr im HAU2 halten, das ist eine schöne Geste der Anerkennung. Mit immerhin 400.000 Euro wird das Projekt vom Hauptstadtkulturfond unterstützt. „Natürlich rede ich auch über Geld“, sagt Sutinen. Über die Summe mag sie nicht klagen, allerdings verweist sie darauf, dass damit keine internationalen Koproduktionen möglich sind. 21 Kompanien und Choreografen aus 21 Ländern werden bis Ende August die Vielfalt des Tanzes an mehreren Spielorten repräsentieren. Nicht nur im Hau, sondern in der Volksbühne, Schaubühne sowie im Haus der Berliner Festspiele. Es gibt viele Debüts, nicht nur für Sutinen.

Tanz im August Heute, 15 Uhr, Schinkel Pavillon. Informationen: tanzimaugust.de