Klassik-Kritik

Wenn sich junge Tänzer dem Thema Krieg annähern

Hamburgs Bundesjugendballett bei Young Euro Classic

Mit einem bunt gemischten Programm wartet Young Euro Classic im Admiralspalast auf. Eine neue Farbe ist dem Bundesjugendballett zu verdanken, das seit 2012 beim Festival gastiert. Es hat den Charakter der Reihe, die sich früher ausschließlich über die Präsentation von internationalen Jugendorchestern definierte, stark verändert. Wenn ausschließlich Musik gespielt wird, erhält eine privat finanzierte Veranstaltung, wo viele Dankesworte gesprochen werden und man sich gegenseitig auf die Schulter klopft, schnell den Charakter des uneingeschränkten Einverstandenseins mit sich und der Welt. Die Werke der großen Komponisten geben dieses Einverstandensein nicht her, doch sie widersprechen ihm auch nicht, wenn man diesen Widerspruch nicht bewusst inszeniert.

„The Loss of Innocence“, ein Tanztheaterprogramm des Bundesjugendballetts aus Hamburg als Reflexion des Weltkriegsbeginns vor 100 Jahren, ist da von anderem Kaliber. Es hat selbst bei oberflächlichem Hinsehen mit Einverstandensein nichts zu tun. Es stellt sich bei Betrachtung höchstens die Frage, in welchem Maße die Menschheitstragödie von 1914 bis 1918 in ihren kaum fassbaren Dimensionen an den Zuschauer herangelassen wird. Nun, die Stilisierung durch die Choreographen John Neumeier, Patrick Eberts und Maša Kolar ist da, doch abstrakt geht es nicht zu. Einfühlsam lässt sich die Kompanie von Musik der Zeit um 1914 zu wirklich originärem Tanztheater inspirieren.

Die Einleitung bringt Chansons der ersten Jahrhunderthälfte, gesungen von der Sopranistin Sonja Šarić, zusammen mit einer Choreographie von Maša Kolar. Doch erst danach wird der historische Raum vom Weltkrieg bis heute auf eine interessante Art vermessen: Eric Satie und Claude Debussy, zwei Komponisten, die man nicht unbedingt mit weltkriegerischem Zeitgeist in Verbindung bringt, liefern in Patrick Eberts’ Choreographie „Helmbedeckt“ die Begleitmusik zu einem tänzerischen Slapstick, der seine Ursprünge im klassischen Ballett der Vorkriegszeit ebenso wenig verleugnet wie er eine ironische Distanz dazu zeigt. Es folgen Variationen des Tanztheater-Altmeisters John Neumeier über Igor Strawinskis Ballett „Petruschka“.

Anspielungsreich, mit zahlreichen vieldeutigen Symbolen auf Krieg, Tod und Vergänglichkeit, in einem Bühnenbild gewordenen expressionistischen Gemälde, stattet John Neumeier seine Choreographie „In the Blue Garden“ aus. Am heutigen Freitag geht es in einem vergleichbar originellen Programm mit Mitgliedern der Berliner Philharmoniker wieder um Tanz. Allerdings diesmal rein musikalisch. Zwei Pianisten, zwei Schlagzeuger und ein Akkordeonspieler präsentieren Tänzerisches von Brahms, Piazzolla und Strawinsky einmal anders. Das Festival geht noch bis Sonntag.