Belletristik

Eine isländische Jüdin verliebt sich in einen Neonazi

Eiríkur Örn Norðdahl ist der junge Wilde unter den isländischen Autoren.

In „Böse“ wühlt er tief in der Weltgeschichte und versucht zugleich herauszukriegen, wieso sich eine Jüdin in einen Neonazi verlieben kann. Die isländische Studentin Agnes ist einst mit ihren Eltern aus Litauen eingewandert – und Jüdin. Für ihre Abschlussarbeit recherchiert sie über die rechte Szene in Island und verliebt sich dabei in den Neonazi Arnór. Das geht auf Kosten ihres Freundes Ómar.

Als Agnes schließlich schwanger wird, weiß sie nicht, wer Vater des Kindes ist. In seinem Roman „Böse“ begnügt sich Eiríkur Örn Norðdahl nicht nur mit einer mit viel Sex aufgepeppten Dreiecksgeschichte aus dem kalten Norden. Es geht um Widersprüchlichkeiten im Faschismus. Zugleich versucht er zu ergründen, wieso junge Menschen immer noch von nationalsozialistischem Gedankengut fasziniert sein können.

Norðdahl hat eine Menge in sein 650- Seiten-Werk reingepackt: Unzählige Fakten und Reflexionen über Nationalsozialismus und Holocaust wechseln sich ab mit dem Fortgang der Dreiecksgeschichte, die zunehmend in den Abgrund führt. So ist der Roman ein wilder Parforceritt durchs 20. Jahrhundert. Dennoch bleibt das Leseerlebnis eher schal. Der Entschlüsselung des „Bösen“ kommt der Autor weder in der privaten Rahmenhandlung noch im philosophischen Überbau überzeugend nahe. Norðdahl ist zweifellos ein großes Erzähltalent. Mit dem ambitionierten Roman, der 2012 den isländischen Literaturpreis erhielt, hat er sich aber zuviel vorgenommen.

Eiríkur Örn Norðdahl: Böse. Tropen Verlag, 658 S., 24,95 Euro