Sachbuch

Die wahre Geschichte der Gründung der Salzburger Festspiele

Die Homepage der Salzburger Festspiele präsentiert sich multimedial auf der Höhe der Zeit.

Da wird gebloggt, was das Zeug hält. Man wünschte sich, die Festspiele wären auch in anderer Hinsicht so mitteilsam. Was die eigene Gründungsgeschichte anbelangt, begnügt man sich mit staatstragenden Floskeln. Hugo von Hofmannsthal, einer der geistigen Mentoren, habe die im Ersten Weltkrieg aufeinander gehetzten Völker durch Festspiele miteinander versöhnen wollen. Die ersten Salzburger Festspiele im August 1920 seien nichts anderes als ein Friedensprojekt gewesen, so Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler heute. Das sind große Worte. Zu große, wie man nun weiß.

„Eine Triumphpforte österreichischer Kunst“ lautet der recht sperrige Titel einer neuen Studie. Dessen Autor Norbert Christian Wolf, Literaturprofessor an der Universität Salzburg, hat ausführlich mit Hofmannsthals Rolle bei der Gründung der Festspiele auseinandergesetzt und Erstaunliches zutage gefördert. Die Gründung der Festspiele war für Hofmannsthal und Reinhardt zunächst ein patriotischer Akt, beabsichtigten sie doch, eine „Triumphpforte österreichischer Kunst“ zu errichten. Als der Krieg verloren ging, vollzog Hofmannsthal eine bemerkenswerte Kehrtwende. Er verirrte sich nun in Deutschtümelei und beschwor die angeblich völkische Basis des Vorhabens. Seine Festspielidee war eine Art Gegen-Wien: Sie bot keine Alternative zur Wiener Moderne, sondern dezidierte Entwürfe einer alternativen Moderne, die sich klerikal, antidemokratisch und antiaufklärerisch gab. BM

Norbert Christian Wulf: Eine Triumphpforte österreichischer Kunst. Jung und Jung, 320 S., 26 Euro