Lebenserzählung

Die Spuren der Schritte und der Worte

Grimme-Preisträger Robert Seethaler erzählt auf ganz kleinem Raum „Ein ganzes Leben“

So möchte man auch sterben. Einfach. Daliegen. Nicht jammern. Aufs Leben zurückblicken ohne Bedauern. Und wenn kein Herzschlag mehr kommt, loslassen. Tot sein. Andreas Egger stirbt so. Er wird noch ziemlich lange unser Vorbild sein im Sterben. Dabei hätte er – im Gegensatz zu uns – allen Grund zum Jammern. Robert Seethaler nämlich, der Schriftsteller und Schauspieler, der ihn sich ausgedacht hat für seinen fünften Roman, der „Ein ganzes Leben“ erzählt, obwohl das Buch nur knapp über novellendick ist, Seethaler also hat ihn durch die Hölle geschickt. Gleich mehrfach. Durch ein finsteres Tal, durch ein finsteres Jahrhundert, ein finsteres Leben.

Andreas Egger kommt aus der Stadt ins Tal, da ist er vier. Das neue Jahrhundert, das der Weltkriege, hat gerade angefangen. Im Tal ist alles, wie es seit Menschengedenken war. Ein Bankert ist der Egger, den kaum jemand Andreas nennt. Sohn einer der Schwägerinnen eines Großbauern. Der nimmt ihn auch nur, weil der kleine Egger in einem Brustbeutel Geld mit sich führt und weil der Großbauer jemanden zum Arbeiten braucht. Und zum Auspeitschen.

Seethaler, grimmepreisgekrönter Drehbuchautor, inzwischen leider eher seltener zu sehender Fernsehschauspieler von ziemlich gewaltiger Körpergröße, ist ein Meister des Schicksalaufhalsens. Den pubertierenden Franz Huchel, den „Trafikanten“, Held seines letzten Romans, schickte er vom Land in die große Stadt, zu den Nazis und zu Doktor Freud. Den Egger Andreas schickt Seethaler den umgekehrten Weg. Das Mahlwerk ist ein anderes, groberes, stärkeres. Und es bearbeitet Andreas Egger länger als Franz Huchel, ein ganzes langes Leben. Fast 80 Jahre wird Egger. Menschen mit anderer Konstitution, Menschen wie uns vielleicht, hätte es zu Staub zermahlen.

Den Egger nicht. Der wird stark. Der muss stark werden. Körperlich und seelisch. Einmal schlägt der Bauer den Egger, so sehr, das etwas kaputtgeht im Bein des Buben. Der Knochenrichter kommt. Das Hinken bleibt. Egger, der Bankert, der Fremde, ist fortan der Krüppel des Dorfes. Er nimmt es hin, wie er alles hinnimmt. Es gibt ihm Freiheit. Er ist lieber draußen. Und das Leben, es ist halt so. So passt das rechte Bein zum Egger. Denn der steht immer schräg in seiner Zeit und doch mittendrin. Es verändert sich alles im Tal, das Egger nur einmal verlassen muss, als er, der Krüppel, doch noch eingezogen wird am Ende des zweiten Krieges.

Als Egger Mitte 30 ist, hält die Moderne Einzug. Eine Seilbahn wird gebaut. Egger macht sich nützlich. Er bohrt Sprenglöcher. Und er hat lieben gelernt. Marie heißt sie. Sie ist blond, bedient im Gasthaus „Zum goldenen Gamse“. Schön ist das. Zum Nichtmehraushalten schön. Egger hört was, der Berg seufzt. Eine Lawine schlägt das Leben des Andreas Egger zu Klump. Er ist wieder allein. Egger arbeitet weiter. Die Nazis kommen. Wollen bald keine Nazis mehr gewesen sein. Die Touristen kommen. Aus Hängen werden Pisten. Alles verändert sich.

Seethaler springt zwischen den Zeiten, lässt Erinnerungen aufscheinen im Fluss seiner Lebenserzählung. Weil der Egger von ihnen lebt. Die Erinnerungen sind das Lebensmittel dieses Mannes, um den stets ein warmes, helles Leuchten ist in der Finsternis einer vorgeblich elenden, vom Kältetod der Seele bedrohten Existenz. Jeder Ton, jedes Wort, jeder Satz - alles ist genau da, wo es hingehört.

Robert Seethaler: Ein ganzes Leben. Hanser Berlin, 154 S., 17,90 Euro