Pop-Kritik

Conor Oberst klampft sich trotzig in Ekstase

Der Amerikaner pflegt den Weltschmerz im Postbahnhof

Das Conor-Oberst-Konzert im Postbahnhof, es erinnert an einen Film. Genauer gesagt an die Endsequenz eines amerikanischen Coming-of-Age-Films. In der Hauptrolle: Conor Oberst. Er spielt diesen einen Schüler, den es es in jedem Jahrgang gibt, den ohne Ballbegeisterung. Er ist ein bisschen dünner, ein bisschen sensibler als seine Klassenkameraden, die ihm deswegen ein bisschen roh und auch ein bisschen dumm vorkommen. Er verachtet sie alle, während er mit seiner Gitarre Lieder für sich sich selbst singt. Er ist die Ausnahme und das Talent, von dem keiner etwas mitbekommt, bis zum – denn so ist das bei amerikanischen Coming-Of-Age-Filmen – unvermeidlichen Abschlussball. Denn statt im heimischen Hobbykeller spielt Conor Oberst seine Lieder nun in der Aula. Und irgendwie ist er ja schon gerührt, dass ihm jetzt alle zuhören, nur zeigen kann er das nicht. Denn er verachtet sein Publikum, die Menschen, den Grund für seinen ganzen Weltschmerz ja doch.

Die ersten drei Lieder beachtet Conor Oberst sein Postbahnhof-Publikum also nicht. Naht an Naht spielt er drei Stücke seines neuesten Albums „Upside Down Mountain“ und arbeitet sich dabei an seiner Gitarre ab. Die Lieder sind kräftiger als auf dem Album, sie wirken trotzig, Oberst wirkt trotzig. Der schwarze Scheitel fällt ihm immer wieder ins Visier, er hat kein Blick für die vielen Augenpaare die auf ihm ruhen. Zu „Zigzagging toward the light“ klampft er sich in Ekstase, dreht tanzende Kreise weg von seinem Mikrofonständer. Zeigt all sein Talent. Saitengriffe zu Fausthieben.

Dann endlich kommt der Talentkreisel kurz zum Stehen, die Haare aus dem Gesicht geworfen, der kurze Blick über das Mikrofon und dann: „Thank you Berlin, it’s good to be back, thanks for coming out tonight.“ Die Begrüßung floskelt er so schnell herunter, dann aber stimmt er einen „Bright Eyes“-Song an von der Hitplatte „I’m Wide Awake, it’s Morning“ von 2005, dem Jahr in dem er gleich zwei Alben veröffentlichte, beide Hits, beide Billbord-Charterfolge, die ihn schlagartig zu dem Helden all der Schüler machten, die immer ein wenig zu viel auf ihre Schuhe gestarrt haben. Er spielt: „We are Nowhere, and it’s Now“. Das Publikum freut sich, und Oberst gibt ihnen das Lied dann noch drei Spuren trauriger, als sie es von der Albumversion gewöhnt sind.

Seit 2007 singt Conor Oberst ohne feste Band, aber immer wieder gemeinsam mit einer anderen schon bestehenden Band. Unverbindlich. Seine musikalischen Freunde der Stunde sind die „Dawes“. Folk aus Los Angeles. Auf dieser Tour sind sie Oberst Band und Vorband zugleich. Als Conor sagt, die Jungs seien „beautiful“ und dass man ihre drei CDs doch kaufen könne, hält er inne: Was erzähle er hier, da man in Berlin ja doch so hip sei, kenne man die CDs doch wahrscheinlich schon. Ein schnippischer Außenseiterschüler-Kommentar. Ach, Conor, möchte man seufzen.