Abschied

Bogarts ewige Witwe

Lauren Bacall, eine der letzten Ikonen aus Hollywoods Goldener Ära, ist mit 89 Jahren gestorben

Sie war erst 19, er 44. Sie war noch minderjährig, er in dritter Ehe verheiratet. Aber als sie 1942 ihren ersten gemeinsamen Film drehten, „Haben und Nichthaben“, da funkte es gleich zwischen Lauren Bacall und Humphrey Bogart. Nur elf Jahre Ehe war ihnen beschieden, bevor Bogie 1957 an Kehlkopfkrebs starb. 57 Jahre lang war sie dann vor allem eins: die Witwe. Nun ist Lauren Bacall, eine der letzten Legenden aus Hollywoods Goldener Ära und laut „People“-Umfrage einst einer der schönsten Menschen der Welt, am Dienstag im Alter von 89 Jahren gestorben. „Friedlich“ in ihrem Appartment in New York, an den Folgen eines Schlaganfalls, wie ihre Familie bekannt gab.

Ihr erster Leinwandauftritt war gleich eine Hauptrolle, ihre erste Szene der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Lauren Bacall betritt den Raum, die Kippe schon im Mund, lehnt sich lasziv an den Türrahmen und haucht, mit einer für eine Frau ungewohnt tiefen Stimme, den berühmten Satz: „Hat jemand mal Feuer?“ Humphrey Bogart wirft ihr eine Streichholzschachtel mehr hin als zu. Sie aber fängt sie gekonnt auf, zündet sich die Zigarette an und wirft die Schachtel zurück. Von Anfang an war da ein Funken zwischen dem ungleichen Paar. Das Publikum liebt solche Momente, wenn private Lieben auch auf der Leinwand zu sehen sind. Wie einst bei Liz Taylor und Richard Burton oder später bei Angelina Jolie und Brad Pitt. Nirgends aber hat sich das so legendär, so ikonographisch in die Filmgeschichte eingebrannt wie bei „Baby“ und „Bogie“, bei dem BB-Paar.

Die Mieze und der Macho

Natürlich war alles ganz anders. Die Szene musste wieder und wieder gedreht werden, weil das Mädchen so nervös war, mit einem solchen Star zu spielen. Und Regisseur Howard Hawks, der Bacall zum Star aufbaute, war anfangs alles andere als begeistert von dem Knistern am Set, missbrauchte das aber später zu Werbezwecken. Denn tatsächlich nutzten die beiden ihre Dialoge für ihr Liebeswerben, waren ihre Szenen regelrechte Balzduelle, kann man die Spannung zwischen ihnen noch heute fast physisch spüren.

Was wurde nicht alles geschrieben über den Macho und die Mieze. Über das böse Mädchen, das sich karrieresüchtig an den Star heranschmiss. Und den alternden Mann, der seine Midlife-Krise mit einem jungen Ding verdrängen wollte. Nichts davon war wahr. Bacall hatte Bogart nichts zu verdanken. 1924 als Betty Joan Perske in der Bronx geboren, war sie bereits mit 16 Jahren ein Model. Fürs Kino entdeckt und zu einem Typ geformt hat sie der große Regisseur Hawks, der zuvor schon Rita Hayworth und Rosalind Russell zu Stars gemacht hatte. Nicht Bogart also, das betonte die Bacall immer wieder, sondern „Howard Hawks war es, der mein Leben verändert hat“.

Witwe mit 32 Jahren

Sie wiederum hat das Leben Bogarts verändert. Der Schauspieler, der gerade den Kultfilm „Casablanca“ abgedreht hatte, war als Rüpel bekannt und lieferte sich mit seiner dritten Gattin Mayo Mathot regelrechte Eheschlachten. Doch nur elf Tage nach deren Scheidung heirateten Bogart und Bacall. Und plötzlich wurde der notorische Draufgänger ein liebevoller Familienvater. Seine Alkohol- und Nikotinsucht freilich konnte sie nicht zähmen, im Gegenteil: Laut ihrem gemeinsamen Sohn Steven Bogart trank der Vater auch aus Angst, Lauren Bacall zu verlieren. Sie aber hat ihn bis zuletzt gepflegt.

Vier Filme haben die Schauspieler gemeinsam gedreht, der berühmteste davon „Tote schlafen fest“, ebenfalls unter Hawks. Ein fünfter, „Melville Goodwin, USA“ kam nicht mehr zustande, weil Bogart schon zu krank war und dann auch seine Frau absprang. Dann war Lauren Bacall mit gerade mal 32 Jahren Witwe. Und sollte es für immer bleiben. Ihre größte Rolle. Und ein langer Fluch.

Sie war noch mit Frank Sinatra verlobt und in zweiter Ehe acht Jahre mit Jason Robards verheiratet. Aber immerzu wurde sie auf Bogie angesprochen, als Anhang der Ikone wurde sie selbst schon zu Lebzeiten Legende. „Witwe zu sein ist nicht gerade ein Beruf“, hat sie mehrfach gestöhnt. Aber irgendwie hat sie sich dareingefunden. Und auch selbst wesentlich an dieser Verklärung mitgewirkt.

Mit ihrem Katzenaugenblick (wegen dem sie gern „The Look“ genannt wurde), ihren markanten Gesichtszügen, der ungewohnt großen Statur und der rauen, tiefen Stimme war sie wie gemacht für die Vamps und Femmes Fatales in Hollywoods Noir-Filmen der 40er-Jahre. Sie trat danach aber auch in über 70 Filmen auf, darunter Klassiker wie „Wie angelt man sich einen Millionär“ mit der jungen Marylin Monroe, dem Agatha-Christie-Krimi „Mord im Orientexpress“ und später „Dogville“ von Lars von Trier oder Paul Schraders „The Walking“, mit dem sie 2007 zum letzten Mal in Berlin war.

Wirklich ernst genommen wurde sie als Schauspielerin aber erst, als sie das Medium wechselte und statt Kino Theater machte. Am Broadway feierte sie Triumphe mit „Applause“ und „Woman of the Year“, für die sie je einen Tony, den Bühnen-Oscar, gewann. Ihren einzigen Oscar, den fürs Lebenswerk, bekam sie vor fünf Jahren und stemmte ihn mit triumphierendem „Yes!“ in die Höhe. Mit 85 witzelte sie, sie sei froh, noch zu leben, und denke nicht daran zu gehen.

Ihre Witwenschaft währte fünf Mal so lang wie ihre Ehe. Erst jetzt, mit ihrem Tod, erfüllt sich die gemeinsame Legende mit Bogart. In der Medizin freilich sind beide längst eine Einheit: Unter dem „Bogart-Bacall-Syndrom“ versteht man eine Störung durch überreizte Stimmbänder.