Literatur

Gefangen in einer hippen Firma

Der US-Amerikaner Dave Eggers hat mit „Der Circle“ einen Roman über die totale Kontrolle geschrieben

Mae ist 24 und glücklich, als sie auf Vermittlung ihrer Freundin Annie einen Job beim angesagten Technologie-Giganten „Circle“ bekommt. Dort arbeiten junge Kreative in Büros mit modernster Technik auf einem todschicken Campusgelände, auf dem auch Partys gefeiert werden. Zuvor war sie in einer Kleinstadt bei den Strom- und Gaswerken beschäftigt.

Wie uncool war das denn? Beim Circle zählt man dagegen zur technischen Avantgarde. Man hat die neusten Geräte, Bildschirme, Kameras, es gibt Kunst, Restaurants, einen Spa, kleine Wohnungen mit organischer Bettwäsche, Diskussionsgruppen für jede nur denkbare Aktivität, Lieferservice, es ist für alles gesorgt, was man zum Leben braucht. Eigentlich braucht man gar kein Leben mehr außerhalb von Circle.

Mae findet das super. Schließlich gehört sie jetzt zur Apple-Google-Facebook-Twitter-Firma dazu, zu einem Großunternehmen, das alles weiß, alles sieht, beobachtet, verfolgt, testet, auswertet und das vorgibt, jedes Problem lösen zu können, wenn es nur über genügend Informationen verfügt.

Eine datengetriebene Gesellschaft

Hinter dem System Circle steckt die Idee, jeden persönlichen Klick mit allen anderen Klicks zu vernetzen. Jedes Media-Profil, alle Vorlieben, Kaufgewohnheiten, Fotos, Kreditkarten, alles wird miteinander zu einem Kreis, dem Circle, verbunden. Alles soll so vereinfacht werden. Doch was sich bildet, ist eine rundum geschlossene Welt, eine Gemeinschaft der Mitmacher, der Überwachung, eine datengetriebene Gesellschaft, die wie ein Rauchmelder auf jede Bewegung reagiert.

Die junge Angestellte Mae macht willig und eifrig bei allem mit. Sie macht nur ein kleines bisschen mehr mit als so viele von uns, die heute schon Privates twittern, Auskünfte über ihre Einkäufe geben, Bewertungen für jedes Ereignis abgeben, soziale Beziehungen per Netz pflegen, ihre Freizeitplanung ihren Apps überlassen und das Internet für wertfrei und als größte Segnung seit der Industriellen Revolution betrachten.

Der amerikanische Schriftsteller Dave Eggers, Jahrgang 1970, erzählt diese Geschichte von Mae und ihrem Aufstieg beim Circle, der für seine Mitarbeiter das Motto ausgibt, dass Geheimnisse Lügen seien und Privatleben Diebstahl bedeute. Sein Roman, der am Donnerstag auf Deutsch erscheint, ist viel mehr als eine zeitgemäße Zukunftsvision von Orwells „1984“, keine Science-Fiction. Eggers, der gebürtige Bostoner, lebt seit 2003 mit seiner Familie in der San Francisco Bay Area, Silicon Valley liegt quasi vor der Haustür. Sein Roman ist eine ebenso fesselnde wie düstere Bestandsaufnahme unserer digitalen Zeit: Dauerüberwachung per Kamera an jedem Ort der Welt, Dauerfeedback selbst banalster Ereignisse, Netzpartizipation, Zings, Frowns, Posts, Rankings rund um die Uhr und zu allem – ist das so abwegig? Die Instrumente der Überwachung sind ja alle schon da. Der Circle behauptet, dies alles zu betreiben, um Kriminalität und Diktaturen, Skandale und Korruption zu beenden. Damit wir bald in einer „Schönen neuen Welt“ leben – so der Titel des vor 80 Jahren erschienenen Romans von Aldous Huxley, der auch eine fragwürdige Gesellschaft von Frieden und Freiheit beschrieb.

Das Erschreckende an Eggers Roman ist vor allem, dass die meisten von uns gerne als Versuchskaninchen an dieser Zukunft, die Tyrannei bedeutet, mitarbeiten. Einkaufen im Netz, mach’ ich gerne. Die Eltern sind krank und leben weit entfernt – warum nicht kleine Kameras installieren, damit man per Livebild verfolgen kann, wie es ihnen geht? Fotos für Freunde hochladen – warum nicht? Politiker dauerüberwachen, um zu sehen, ob sie ehrlich sind – das wäre doch mal was? All diese ausgestreckten Tentakeln, an denen bloß ein paar Knöpfe zur Feinjustierung fehlen bis zur Dauertransparenz, beschreibt Eggers mit viel Witz, Tempo und Hellsicht. Die wenigen Zweifler am System wie Maes Ex-Freund Mercer, der ihr an den Kopf wirft, dass „der dämlichste Mist nun die Welt beherrscht“, ist kein gutes Ende beschieden. Eggers hat keine Satire geschrieben, sondern einen wahnsinnig fesselnden Roman, der Schauder hervorruft, den man aber auch, hat man einmal angefangen zu lesen, keine Minute mehr aus der Hand legen möchte.

Dave Eggers Der Circle, Kiepenheuer & Witsch, 530 Seiten, 22,99 Euro