Film

Spandau kommt uns spanisch vor

Nico Hofmann verfilmt den Bestseller „Ich bin dann mal weg“ am Jakobsweg – und in Berlin

Er ist dann mal Hape. Devid Striesow spielt die Hauptrolle in der Verfilmung von Hape Kerkelings Bestseller „Ich bin dann mal weg“. Also den Entertainer selbst, der darin seine eigene Pilgerwanderung auf dem Jakobsweg beschrieb. Bei dieser Personalie ist man kurz irritiert. Weil man sich fragen muss, wer ernsthaft den Spaßmacher der Nation spielen soll – außer Kerkeling selbst. Der hat ja selbst Filme gedreht („Kein Pardon“ etwa oder „Horst Schlämmer – Isch kandidiere“). Aber Kerkeling ist heute mit 49 zu alt und vielleicht auch etwas zu moppelig, um noch als sein jüngeres Ich aus dem Jahr 2001 durchzugehen.

Und bei genauerem Nachdenken ist Striesow die glücklichste Wahl. Der vielseitige Schauspieler ist nach Filmen wie Tykwers „Drei“, Petzolds „Yella“ oder jüngst „Die Zeit der Kannibalen“ quasi die Allzweckwaffe des deutschen Films. Außerdem ist der 40-Jährige ziemlich genau so alt, wie Kerkeling es damals war. Der Berliner ist so blond und blauäugig wie der Komiker, hat eine ähnlich sympathische Ausstrahlung – und ein ähnlich meckerndes Lachen. Und Striesow ist, das wissen wir spätestens, seit er seinen „Tatort“-Kommissar so angelegt hat, auf dem esoterischen Trip. Das passt zum Jakobsweg und zur Suche nach Erleuchtung.

Erst die Rast, dann der Marsch

Die Zitadelle Spandau hat nichts mit dem Jakobsweg zu tun. Sie ist weit weg vom Camino francés, dem Pilgerweg, der sich von den Pyrenäen bis zu Santiago de Compostela zieht. Sie hat in dieser Geschichte deshalb eigentlich nichts zu suchen. Und doch kommt einem die Renaissance-Festung mit seinen historischen Backsteinrundbögen am Montag ziemlich spanisch vor. Überall stehen kleine Holzstühlchen und -tischchen, ein Schild namens „Albergue“ verweist auf eine Herberge. An der Wand lehnen ramponierte Wanderrucksäcke, und am Kiosk finden sich nicht nur Jakobsholzfiguren, sondern auch die Stempel für den Pilgernachweis. Für einige Tage ist die Zitadelle zu einem spanischen Pilgerflecken mutiert. Hier wird schon seit einer Woche gedreht, und heute steht eine Schlüsselszene auf dem Drehplan: die Nacht, in der Kerkeling gleich anfangs aufgeben will. Der Rückflug ist schon gebucht. Bis er in ebendieser Albergue animiert wird, weiter zu wandern.

Den ganzen August über wird unter der Regie von Julia von Heinz in Berlin und Brandenburg gedreht. Alle Dorfszenen und Innenaufnahmen. Danach geht es dann an den echten Jakobsweg, nach Spanien, bis Ende September. Erst mal werden alle Rastszenen gedreht, dann erst die eigentlichen Wanderungen. Und bei denen kriegt Striesow dann prominente Unterstützung. Stars wie Martina Gedeck und Karoline Schuch teilen ein Stück Weg mit ihm, während Annette Frier die Managerin zu Hause mimt und Katharina Thalbach seine Großmutter.

Die Journalisten brüten schon einige Zeit in der Sonne. Und warten auf Striesow. Der steht plötzlich neben ihnen. Und wird fast nicht erkannt. Weil er genauso einen Schlapphut und ein Schlabberhemd trägt wie Kerkeling auf dem Buchcover. Der fleischgewordene Cover-Boy.

Produkt zweier Lebenskrisen

„Ich bin dann mal weg: Meine Reise auf dem Jakobsweg“ ist das Produkt einer Lebenskrise. Nach einem Hörsturz, einer Gallenblasenentfernung und einem Beinahe-Herzinfarkt hatte Kerkeling sich 2001 eine Auszeit genommen und war, einer spontanen Eingebung folgend, losmarschiert. Fünf Jahre später erschien das Buch und entwickelte sich zum Mega-Bestseller. Über vier Millionen Mal wurde es verkauft, 100 Monate stand es auf Platz Eins der Sachbuchbestseller. Und die Zahl deutscher Pilger auf dem Jakobsweg hat seither sprunghaft zugenommen: Allein 2007, im Jahr nach der Buchpremiere, gab es eine Steigerung um sagenhafte 71 Prozent. Seither spricht man vom „Kerkeling-Effekt“.

Auch der Film ist das Produkt einer Lebenskrise: Der Berliner Film- und Fernsehproduzent Nico Hofmann hatte einst einen Burn-Out. Jetzt ist er selbst in der Zitadelle zugegen und bekennt, das Buch habe „viel mit mir gemacht“. Er hat selbst den Jakobsweg eingeschlagen. „Ich hab’ es aber nicht geschafft“, gibt er offen zu. Der Weg sei schon „sehr steinig“. Dafür wollte der Erfolgsproduzent das Buch aber unbedingt verfilmen. Die nächste harte Nuss seit seiner Bestseller-Verfilmung „Der Medicus“.

Auch dieser Weg war sehr steinig. Fünf Jahre sind seit dem Rechtekauf vergangen, bis die erste Klappe für „Ich bin dann mal weg“ fiel. Fünf Jahre, in der immer neue Drehbuchversionen geschrieben und zahllose Männer gecastet wurden. Einmal ist das Projekt schon durch die Förderung gefallen. Vielleicht war das gut so. Denn erst danach kam Devid Striesow an Bord.

Der lehnt sich lächelnd auf seinen riesigen Wanderstab. Und lässt stoisch alle Fragen über sich ergehen. Ja, natürlich hat er das Buch gelesen. Und hatte „von Anfang an den ganz ganz großen Wunsch“, wenn es einmal verfilmt werden sollte, dann mit ihm. Insofern sei das jetzt „die Erfüllung eines großen Traums.“ Aber Wandern, Pilgern gar, das ist nicht seins. Eine Stunde morgens mit dem Hund, das muss reichen.

Er ist nicht auf Method-Acting aus, er lief nicht erst die 791 Kilometer ab, um sich in die Rolle einzufinden. Er hat sich auch nicht mit Kerkeling ausgetauscht und will gar nicht zu viel Ähnlichkeit. Das sei doch die Aufgabe des Schauspielers: etwas Eigenes aus der Rolle zu machen. Und überhaupt: „Ich habe auch schon Lady Macbeth gespielt. Da haben die Leute auch nach zwei Minuten vergessen, dass das der Striesow ist.“

Hape Kerkeling ist übrigens nicht zugegen in der Zitadelle. Er hat anderes zu tun. Im Herbst kommt sein neues Buch heraus: „Der Junge muss an die frische Luft“. Im Übrigen ist er weise und lässt das Buch Buch und den Film Film sein. Kerkeling war aber in alle Entscheidungen involviert. Und hat sein Alter Ego als Erstes abgesegnet: „Devid Striesow“, ließ er verlauten, „ist in meinen Augen die erste Wahl.“ Mal sehen, mit wie viel Hühneraugen der über den Camino francés kommt.