Auszeichnungen

Filmfest in Locarno in Berliner Hand

Mueller-Stahl wird für sein Lebenswerk geehrt, Thomas Arslan sitzt in der Jury. Ein Treffen

In Locarno ist das Wetter so unberechenbar wie das Programm des Filmfestivals, das dort gerade stattfindet. Am Vorabend sitzen noch 8000 Zuschauer bei sternenklarem Himmel im Freiluftkino auf der malerischen Piazza Grande und schon am nächsten Morgen wacht das Städtchen im Tessin bei ohrenbetäubendem Monsunregen auf. Das Hotel „Belvedere“ liegt nebelverhangen in den Bergen, dort wohnt Thomas Arslan. Der Berliner Regisseur, zuletzt mit dem Spielfilm „Gold“ im Wettbewerb der Berlinale, entscheidet dieses Jahr als Jurymitglied selbst mit darüber, welche Filme am Ende mit Preisen ausgezeichnet werden.

Florian David Fitz in „Hin und weg“

Keine ganz ungewohnte Rolle für Arslan, vor einigen Jahren saß er bereits in der Forumsjury der Berlinale. Sein Tagesablauf ist wie der seiner Kollegen genau getaktet. Nur vormittags ist ein wenig Zeit, bei einem Spaziergang die Filme des Vortags Revue passieren zu lassen. „Ich versuche, mich möglichst unvoreingenommen und offen auf jeden einzelnen Film einzulassen. Es wäre falsch, mit festen Konzepten heranzugehen“, sagt der 52-Jährige. Erst mit einem gewissen Abstand trifft er sich dann mit den anderen sechs Mitgliedern zu Gesprächen. 17 Werke stehen auf dem Programm, für anderes bleibt da kaum Zeit. „Es geht zentral um die Filme und denen will man gerecht werden. Ich spüre da schon eine Verantwortung.“

Arslan ist nicht der einzige Berliner, der dieses Jahr nach Locarno eingeladen wurde. Am Wochenende läuft auf der Piazza Grande, dort, wo das populäre Erzählkino seine Heimstatt auf diesem vielseitigen Festival hat, die Tragikomödie „Hin und weg“. Darin lädt ein junger Mann (Florian David Fitz) seine besten Freunde zu einer Radtour nach Belgien ein und eröffnet ihnen, dass er, todkrank, dort Sterbehilfe in Anspruch nehmen will. Begleitet wird er von seinem jüngeren Bruder Finn (Volker Bruch), später stößt noch eine Zufallsbekanntschaft (Miriam Stein) dazu. Die beiden Schauspieler, privat ein Paar, waren bereits zum Wandern in Locarno. „Die Landschaft hier ist der Kracher“, sagt Volker Bruch. Auf dem Festival war er noch nie, im Gegensatz zu Miriam Stein. „Vor einigen Jahren war ich bei einer Präsentation junger Talente. Wir standen auf der Bühne vor 8000 Leuten, das war schon Wahnsinn!“

Premierenfieber hat ihr 34-jähriger Partner jedenfalls keines. „Es ist was anderes, als im Theater auf der Bühne zu stehen. Der Film ist fertig und alles, was jetzt noch schiefgehen kann, ist die Vorführtechnik. Etwas, das man nicht beeinflussen kann, muss einen auch nicht aus der Ruhe bringen.“

Mittags reißt dann der Himmel auf und bis abends fällt kein Tropfen. Der Filmcrew ist die Erleichterung auf der Bühne anzusehen. Und Miriam Stein bekommt für ihre Ansprache in Schwyzerdütsch tosenden Applaus. Für die Halbschweizerin ist Locarno fast ein Heimspiel. Oder? „Ich definiere mich eigentlich grundsätzlich nicht so über meine Nationalitäten“, sagt sie. Vor der Presse hatte sie zuvor bereits auf Schwyzerdütsch angefangen, aber schnell gemerkt, dass sie keiner versteht. Die Tessiner Journalisten sprechen italienisch. Sie muss lachen, wenn sie sich an den Moment erinnert.

Es ist nicht das erste Mal, dass sie gemeinsam vor der Kamera stehen. Arbeit und Privatleben zu teilen, funktioniert gut, sagt die Wahlberlinerin. „Es ist einfach schön, gerade am gleichen Ort zu sein und dass der andere weiß, wovon man redet, oder jetzt zusammen nach Locarno fahren zu können.“

Ganz entspannt wirkt Armin Mueller-Stahl an diesem mal wieder sonnigen Vormittag im Hotel am Lago Maggiore, dabei hat er gerade eine 1200 Kilometer lange Autotour hinter sich. Der 83-Jährige ist zusammen mit seiner Frau angereist, weil er auf dem Festival mit dem Preis für sein Lebenswerk gewürdigt wird.

„Ich habe diese Art zu Reisen gerne, auch wenn wir in den drei Tagen viermal in den Stau gerieten, weil ich unterwegs Freunde besuchen und das Land kennenlernen wollte“, sagt er. „Gestern sind wir ein bisschen durchs Tessin gefahren und es ist wirklich eine wunderschöne Gegend hier, die der liebe Gott am Sonntag gemacht hat.“

Der Preis fürs Lebenswerk macht ihn ein bisschen nachdenklich, gibt er zu. „Ich frage mich, ob ich mich entschuldigen muss, noch immer unterwegs zu sein. Aber man kriegt so einen Preis und weiß, dass man etwas im Leben gemacht hat, was nicht ganz verkehrt war.“

Als lebende Legende sieht er sich deswegen nicht und trägt dann als schelmischen Kommentar bei der Verleihung sein Gedicht „Der Gaukler“ vor. „Ich weiß gar nicht, was das eigentlich ist, eine Legende. Man begreift nur, dass man älter wird und die Zukunft nicht mehr unendlich ist.“ Angst macht ihm das aber keine, er schmiedet lieber Pläne für die Zukunft. „Ich will weiter malen. Es stehen vier, fünf Ausstellungen an. Und einige Konzerte.“

Malen, aber nicht mehr filmen

Vor der Kamera stehen will er dagegen vorerst nicht mehr. Gerade hat er wieder einen Film abgelehnt, selbst als das Angebot verdoppelt wurde. „Geld interessiert mich schon, aber nicht so sehr, dass ich darüber die Contenance verliere“, sagt er in seiner typisch trockenen Art und lächelt verschmitzt. „Ich sitze hier und schaue auf diese wunderschöne Landschaft, was will ich mehr?“