Hörspiel

Die Boygroup fürs Wort

Alle schwelgen in Erinnerung: Die drei Fragezeichen sind Kult und präsentieren in der ausverkauften Waldbühne ihre Liveshow

Es begann 1979 mit dem ersten Hörspiel „Die drei ??? und der Super-Papagei“, und es prägte eine ganze Generation. Der Kult um die drei Detektive Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews ist beispiellos. Es ist die erfolgreichste Hörspielproduktion der Welt, über 160 Folgen, über 45 Millionen Mal verkauft. Kein deutsches Kinderzimmer gab es ohne die schwarzen Kassetten. Es gibt Menschen, die können nicht einschlafen, ohne Die drei ??? im Bett zu hören. Es sind sehr viele Menschen, sie sind meistens um die 40.

Zusatztermine angekündigt

Nach fünfjähriger Pause meldet sich das Sprecher-Trio in diesem Sommer mit der Produktion „Phonophobia – Sinfonie der Angst“ und zugehöriger Liveshow zurück. Das Tour-Finale in der Waldbühne ist selbstverständlich ausverkauft. Für Mai 2015 wurden soeben Zusatztermine angekündigt.

Mit den drei ??? hört die Kindheit niemals auf. Seit 35 Jahren sind es dieselben Sprecher, aufgenommen wird immer noch analog, der Sound ist unverändert und die Welt in Ordnung. Es gibt in den Fällen keine Morde, keine schmutzigen Worte, keinen Sex und immer ein Happy End.

Eine Boygroup fürs Wort, nennt Andreas Fröhlich sich und seine beiden Kollegen Oliver Rohrbeck und Jens Wawrczeck. Sie sind über die Jahrzehnte selbst zu Stars geworden, ein äußerst seltenes Schicksal für Sprecher. Auf der Bühne werden sie begleitet von Gaststimmen, Musikern und dem Geräuschemacher Jörg Klinkenberg. Es ist gewissermaßen ein – wenn auch durchinszenierter – Blick hinter die Kulissen der Hörspielproduktion. Auf den Leinwänden wird immer wieder der Geräuschemacher nebst Assistenten eingeblendet. Seine Arbeit sorgt für größtes Vergnügen.

Als der Moment kommt, in dem Peter die obligatorische Visitenkarte überreicht, gibt es tosenden Applaus. Es sind diese wiederkehrenden Sätze, die zu Markenzeichen geworden sind, zu Signalen, die in die Kindheit hineinleuchten.

Wirklich spannend ist der neue Fall „Phonophobia“ allerdings nicht. Mit einem Heißluftballon stürzen die drei Detektive auf einem Felsplateau ab, wo sie ein mysteriöses Institut für Synästhesie vorfinden. Im ersten Moment halten sie es für eine japanische Abhöranlage, was Anlass gibt zu einigen Witzen über den aktuellen Überwachungswahnsinn. Doch es proben dort Musiker, die mit Klängen die Illusion von Farben, Gerüchen und Geschmäckern beim Zuhörer auslösen sollen. Der ominöse, einhändige Meister namens Yamada hat die Sinfonie der Angst komponiert, ein Mädchen ist in seinem Schloss verschwunden, und es gibt ein paar schöne Merkwürdigkeiten, wie die attraktive Computerstimme namens „Der Mund“, die in ihrer Klugheit und Eigenwilligkeit an den Computer HAL in dem Film „2001“ erinnert.

Doch die ganze Geschichte kommt schwer in Gang, Spannung will sich nicht einstellen, die Auflösung ist billig. Aber das kümmert kaum jemanden, geht es doch um das Erlebnis, die Erinnerung und das fröhliche, gemeinsame Altern. In „Phonophobia“ begegnet man auch dem alten Fall „Das Gespensterschloss“. Dorthin werden die drei ??? verschleppt, dort lösen sie den Fall. Sie erkennen den Ort sofort wieder, „hier sieht alles noch so aus wie damals“. „Wie lang ist das jetzt her?“, fragen sie laut. 34 Jahre. 34 Jahre! Ein sentimentaler Ruck geht durch das Publikum. Alle sind älter geworden, die Hörer, die Sprecher, bloß die Figuren sind noch immer Teenager. Eine Gruppe von Jungs, die im fernen Kalifornien ermitteln, was damals wirklich noch eine Art Sehnsuchtsort war.

In einer Szene hört man als Echo ihre Stimmen von früher, das sorgt für kollektive Rührung. Die Selbstironie und die Bezüge zur eigenen Historie sind eindeutig die Höhepunkte an diesem Abend. Ein Spiel, das sie sehr gekonnt betreiben. Als sie auf der Flucht ihren Verfolger töten, stoppt Jens Wawrczeck alias Peter Shaw die Geschichte. Moment mal, sagt er. „Haben wir gerade einen Bösewicht mit einem Stein zermanscht?“ Bei den drei ??? gibt es keine Toten. Wie soll man denn danach einschlafen? Die ausverkaufte Waldbühne lacht sehr laut. In der Geschichte wird zurückgespult, auch das ein vertrautes Geräusch, das man lang nicht gehört hat. Sie wiederholen die Szene und dieses Mal tötet der Stein nicht, verletzt den Verfolger nur.

Erfolg durch Understatement

Früher waren die drei Jungs welche, mit denen man gern befreundet gewesen wäre. Justus Jonas, der ewige Besserwisser, Peter Shaw, die Sportskanone, der immer ein wenig ängstlich ist, und Bob Andrews, der stille Bücherwurm, zuständig für Recherchen und Archiv. Sie waren so normal und genau deswegen so nah. Heute hat sich diese Sympathie übertragen auf die Sprecher. Diese drei Männer, die seit 35 Jahren nicht von unserer Seite weichen, die keine Helden sind, die eine Glatze haben und Bauchansatz. Die nicht eitel sind, nicht abgehoben, und die, das ist in jedem ihrer Interviews zu hören, auch keine rechte Erklärung haben für diesen endlosen Hype. Sich selbst machen sie dafür auf jeden Fall nicht verantwortlich, es könnten auch andere sein, sagen sie. Das ist natürlich Unsinn.

Der Erfolg hat auch sehr viel mit ihrem Understatement zu tun, mit ihrer Normalität. Wenn sie auf der Bühne eine kurze Tanzeinlage präsentieren, weiß man, das würde man selbst genauso gut hinkriegen. Die Zeit steht still, wenn 20.000 Menschen gemeinsam einem Hörspiel lauschen. Es verwundert fast, dass sogar Kinder mit dabei sind. Die nächste Generation hat es also auch schon erwischt.