Neue Töne

Frauen, das Berghain und weiche Grooves

Sebastian Zabel über seine Alben des Monats

Die Zeiten, als man Freunden (und vor allem Freundinnen) Mixtapes schenkte, selbst zusammengestellte Kassetten mit Lieblingssongs, die man nächtens aufgenommen hatte, sind lange vorbei. Denn Musikkassetten sind verschwunden und werden im Gegensatz zum Vinyl ganz sicher kein Revival erleben. Aber dieses Auswählen von Songs, sich zu überlegen, welches Lied zu welchem passt, wie sie sich am schönsten aneinanderreihen, eine Stimmung aufbauen, eine Geschichte erzählen, das lebt natürlich fort.

Das Zusammenstellen, oder wie die Profis sagen: Kompilieren von Musik ist eine verdammt romantische Sache. Dabei ist es fast egal, ob es um Liebeslieder oder Protestsongs, um Soul oder Death Metal geht. In den 60er-Jahren ließen Plattenfirmen Compilations der unterschiedlichen Künstler ihrer Labels zusammenstellen. In den frühen 70er-Jahren erschienen die heute legendären „Nugget“-Sampler, die uns mit dem schmutzigen Garage-Rock völlig unbekannter US-Bands vertraut machten; in den 80er-Jahren lehrte uns das britische Label Kent die richtigen Tanzschritte zu liebevollen Zusammenstellungen verschollener Soul-Singles. In den 90ern und den Nullerjahren hatte schließlich jedes Minigenre seine eigenen Kompilationen, seien es Tripple-LPs mit Drum’n’Bass oder Werkschauen obskurer Elektrolabels.

Warum erzähle ich das? Weil ich mir in dieser Kolumne ein einziges Mal – versprochen – erlaube, Werbung in eigener Sache zu machen. Denn die Redaktion des „Rolling Stone“, der Musikzeitschrift, deren Chefredakteur ich bin und die in diesem Jahr 20. Geburtstag feiert, hat gerade eine solche Kompilation zusammengestellt. Eine Doppel-CD mit den besten Hits und Lieblingssongs der vergangenen zwanzig Jahre. Wir haben Platten rausgesucht, Titel auf Listen geschrieben und wieder gestrichen, uns gefreut, dass Bruce Springsteen schließlich sein Okay für das beschwingte „Waitin’ On A Sunny Day“ gab, haben uns ein bisschen geärgert, dass Damon Albarn den wuchtigen „Song No 2“ seiner Band Blur nicht rausrücken wollte und waren selbst überrascht, dass wir uns am Ende auf ein eher obskures, aber wunderschönes Stück der Hamburger Band Blumfeld einigen konnten. Als Kassette ist die Doppel-CD „20 Jahre Rolling Stone“ übrigens nicht erhältlich. Denn dieser Tonträger hat die vergangenen zwanzig Jahre nicht überlebt – im Gegensatz zu den 37 Songs auf unserer Kompilation.

Soweit die Rückschau. Und was ist in diesem Monat an aktueller Musik interessant? Zwei junge Frauen vor allem. Beide bewegen sich an der Schnittstelle zwischen modernem Soul und elektronischem Pop. Die eine, FKA Twigs, hat auf dem schlicht „LP1“ betiteltem Album die faszinierendste und fremdartigste Popmusik dieses Sommers aufgenommen. Die oft verfremdete, aber gleichwohl kristallklare Stimme der eigenwilligen Britin schwebt über reduzierten Beats und sehnsüchtigen Melodiepartikeln – und singt ziemlich explizit von Sex. Ein sommerschwüles, von Clubsounds geprägtes Album, bei dem warme harmonische Passagen von eher sperrigen gestört werden.

Die andere Frau dieses Sommers heißt Banks, eine sommersprossige Amerikanerin, die sich wie ihre Londoner Kollegin in einem Spannungsfeld zwischen Dubstep, R&B und Elektronik bewegt. Ihr Debütalbum hat sie selbstbewusst „Goddess“ getauft, ihre Stimme rinnt wie Honig, ihre Musik ist voll eleganter, weicher, seelenvoller Grooves. Beide Künstlerinnen haben sich übrigens schon im Berghain dem Berliner Publikum vorgestellt, jenem weltberühmten Klub, der in diesem Jahr seinen zehnten Geburtstag feiert. Halb so alt wie der deutsche „Rolling Stone“, aber immer ganz schön laut.

Der Autor ist Chefredakteur des „Rolling Stone“ und lebt in Berlin