Tanz im August

„Es gibt Pralinen und Medizin“

Die Finnin Virve Sutinen stellt ihre erste Ausgabe des Festivals „Tanz im August“ vor

Kulturmanagerin und Punk, Tanztheoretikerin und Netzwerkerin, ehemalige Tänzerin und Choreografin: Das ist Virve Sutinen. Die Finnin, 52, kuratiert erstmals das Festival „Tanz im August“ für das Hebbel am Ufer. Ausgewählt von einer internationalen Jury, kommt sie vom Dansens Hus in Stockholm, das sie ab 2008 leitete. Zuvor war Sutinen unter anderem verantwortlich für das Performing Arts Programme am Kiasma Museum für zeitgenössische Kunst in ihrer Heimatstadt Helsinki. Dort rief sie im Lauf der Zeit neben einem Punkklub auch einige Tanzfestivals ins Leben. Bis Ende der 80er-Jahre arbeitete sie als Tänzerin und Choreografin, dann beendete eine schwere Knieverletzung ihre aktive Karriere. Am kommenden Freitag eröffnet Virve Sutinen die 26. Ausgabe von „Tanz im August“.

Berliner Morgenpost:

Frau Sutinen, wie fühlt sich Berlin an, wenn man aus Kulturzentren des Nordens hierher kommt?

Virve Sutinen:

Gut! Berlin ist eine smarte und entspannte Stadt, mit viel Tanz und einem neugierigen Publikum. Überall sind die Theater voll, das ist fantastisch. Vielleicht liegt es daran, dass das deutsche Fernsehen nichts taugt?

Was bietet denn Ihr Festival im Vergleich zum Fernsehen?

Ein Festival soll wie ein Energiestoß wirken. Das Programm von „Tanz im August“ habe ich mir wie eine Achterbahnfahrt vorgestellt. Wir zeigen humorvolle, unterhaltende Produktionen wie „The Old Testament According to the Loose Collective“, aber auch Hardcore-Konzepttanz von Cristina Caprioli/ccap. Ich wollte die ganze Bandbreite des Tanzes abbilden.

Die Zahl der eingeladenen Produktionen ist geringer als in früheren Festivalausgaben. Nachwuchsformate und Angebote für die lokale Tanzszene sind gestrichen.

Eine Plattform für die lokale Szene, für das in Berlin reichlich vorhandene Talent, bietet Ende August die „Tanznacht“, mit der wir kooperieren. Mein Auftrag war ein internationales Festival. Es gab auch aus der Tanzszene den Wunsch nach großen Produktionen, die in Berlin sonst nicht zu sehen sind. Neben Stammgästen wie Anne Teresa de Keersmaeker mit Rosas gastieren einige Ensembles erstmals in Berlin oder gar Deutschland: das Big Dance Theater aus New York, La Veronal aus Spanien oder Miss Revolutionary und Eduardo Fukushima aus Japan beziehungsweise Brasilien. Und natürlich ist es mir ein Anliegen, die Zuschauer zu gewinnen und ein erfolgreiches Festival zu machen, allein schon, um dessen Zukunft zu sichern. Aber eines meiner Credos als Festivalmacherin lautet: Es gibt nicht nur Pralinen, sondern auch die Medizin (lacht).

Süß und bitter, Achterbahnfahrt und Energiestoß: Hier geht es um Wirkung. Haben Sie auch einen thematischen Schwerpunkt gesetzt?

Ich setze nie Themen, sondern greife das auf, was von den Künstlern kommt. Derzeit beobachte ich eine Bewegung zurück zur Bewegung, das heißt, vom eher theoretischen Konzepttanz hin zum geschulten, ausgebildeten Körper. Der Trend, könnte man verkürzt sagen, geht vom Prozess zum Produkt. Das Ergebnis steht mehr im Fokus, viele Produktionen werden wieder zuschauerorientierter.

Wie spiegelt sich das in Ihrem Programm?

Bei der diesjährigen Ausgabe von „Tanz im August“ werden viele Arbeiten im Grenzbereich zum Theater zu sehen sein: „Siena“ von der katalanischen Gruppe La Veronal oder „Alan Smithee Directed This Play“ vom Big Dance Theater. Auch die Kooperation des Berliner Choreografen Jefta van Dinther mit dem Cullberg Ballet geht in diese Richtung. Trajal Harrell inszeniert mit „Antigone Sr./Twenty Looks or Paris is Burning at the Judson Church (L)“ erneut eine spekulative und spektakuläre Begegnung von zwei New Yorker Tanzsubkulturen der 60er-Jahre, Voguing und Postmodern Dance.

Wie gehen Sie bei der Konzeption eines Festivals vor?

In Berlin soll das Festival das große Angebot vor Ort ergänzen. Generell versuche ich, möglichst gut über den sozialen, politischen und historischen Kontext informiert zu sein – der Rest ist Intuition. Darüber hinaus gibt es Anliegen, die mich seit Jahren begleiten: Am Dansens Hus in Stockholm habe ich Programme zu Identität, Rassismus oder zum Kanon zusammengestellt. Letzteres ist geradezu eine persönliche Mission: Wie schreibt man Tanzgeschichte und wer schreibt sie? Der zukünftige Kanon, das, was man in Jahrzehnten erinnern wird, wird jetzt und hier festgelegt. Das ist mir beim Kuratieren immer bewusst. Wir müssen auf Nachhaltigkeit und Diversität ebenso achten, wie wir Risiken eingehen und in die Zukunft investieren müssen.

Wie verstehen Sie Ihre Rolle? Wo ist der Punk geblieben?

Humanistisch mit einem Touch Anarchie – das ist der Punk in mir –, vor allem aber feministisch. Ich selbst würde mich auch nicht als Kuratorin bezeichnen, sondern als Produzentin. Das ist natürlich eine Provokation, denn jeder möchte heutzutage kuratieren, weil das als künstlerische Tätigkeit gilt. Ich nutze zwar kreative Methoden, aber meine Rolle ist es, zwischen den Künstlern und den Zuschauern zu vermitteln, Tanz zu ermöglichen und für ihn zu werben.

In diesem Jahr gibt es bei „Tanz im August“ keine Uraufführung. Für die Künstler bedeutet das zwar Auftritts-, aber keine Arbeitsmöglichkeiten. Wird das Produzieren künftig beim Festival wieder eine Rolle spielen? Man hört ja, dass Sie es nicht nur 2014 und 2015 leiten sollen.

Die Finanzierung von „Tanz im August“ durch die öffentliche Hand und das Hebbel am Ufer ist bis 2015 gesichert. Über eine Zusammenarbeit darüber hinaus können wir frühestens nach dieser Ausgabe des Festivals sprechen. Aber ja, 2015 koproduzieren wir zum Beispiel eine neue Arbeit von La Veronal.