Roman

Akt der Befreiung

Die Geschichte einer Freundschaft inmitten des Großen Krieges: Jamie O’Neills gewaltiges Epos „Im Meer, zwei Jungen“

Schwimm dich frei. Das ist keine besonders neue Metapher, wenn es um eine Coming-of-Age-Geschichte, also um die Selbstfindung eines Heranwachsenden geht. Auch nicht, wenn es um eine Coming-Out-Geschichte, die Selbstfindung eines Schwulen, geht (man denke nur an den aktuellen polnischen Film „Tiefe Wasser“). Doch wenn das Ganze dann auch noch mit dem Krieg kombiniert wird, dann gewinnt das zusätzliche Dimensionen, dann wird das Ganze von der rein persönlichen auch auf eine gesamtgesellschaftliche Ebene gehoben.

Jamie O’Neills Roman „Im Meer, zwei Jungen“ spielt zu Beginn des Ersten Weltkriegs im zerrissenen Irland. Es ist die Geschichte zweier Jungen, Doyler und Jim, der eine ein Arbeitersohn, der andere Spross eines aufstrebenden Krämers. Sie gehören verschiedenen Schichten an, sie haben eigentlich keine Berührungspunkte. Und ginge es nach Mr. Mack, dem Vater von Jim, dann würde es auch keinen Kontakt geben.

Es ist mehr als Freundschaft, was die Jungen verbindet. Ihre heimliche Beziehung zelebrieren sie an einem abgelegenen Meeresufer, und Doyler, das ist der Deal, soll Jim das Schwimmen beibringen. Damit sie an den nächsten Ostertagen auf die Muglin-Insel, ein karger Felsen in der Bucht von Dublin, schwimmen und dort die irische Fahne hissen können. Alle kämpfen in diesem Großen Krieg gegen die Deutschen, die Iren aber kämpfen auch gegen die Briten, für eine eigene, unabhängige Heimat. Das Hinüber-, das Freischwimmen soll ein Ausdruckszeichen, ein Akt der Selbstbestimmung werden. Für die Anerkennung ihrer ganz unschuldigen Liebe. Aber auch ein noch verspielter und doch ganz ernst gemeinter politischer Akt.

„Im Meer, zwei Jungen“ ist aber auch die Geschichte zweier Väter. Jenes Kleinbürgers Mack nämlich, der mit Doylers Vater Mick Doyle einst in einem anderen Krieg gekämpft hat. Eine Männerfreundschaft, die in die Brüche ging, die verdrängt und vergessen wurde, aber nun von der nächsten Generation wieder auf die Probe gestellt wird. Es ist schließlich die Geschichte zahlreicher Nebenfiguren, die sich immer wieder überschneiden und zum Finale ineinander greifen. Denn man schreibt das Jahr 1916, das Zieldatum des Fahnenschwimmens fällt just auf jenen Tag, der als Osteraufstand in die Annalen Irlands eingehen sollte. Und so wird der kleine Plan der beiden Jungen bald von der großen Historie überrollt.

Zehn Jahre lang hat Jamie O’Neill, 1962 am Ort des Geschehens, in Dún Laoghaire nahe Dublin geboren, an diesem Roman geschrieben. Er hat nachts als Portier in einem psychiatrischen Krankenhaus gearbeitet, um tags daran sitzen zu können. So entstand ein monumentales Epos, das ein ganzes kleines Universum erstehen lässt. Mit vielen Nebenfiguren, die alle ihren ganz eigenen Atem erhalten. Mit steten Perspektivensprüngen und ganz aus diesen jeweiligen Blickwinkeln als „stream of consciousness" erzählt. Vor allem aber mit einer bildreichen, metapherngewaltigen Sprache.

Nur einmal, mit den Namen Mick und Mack, erlaubt sich O’Brien einen etwas platten Schnickschnack. Ansonsten fasziniert er den Leser mit einem hochartifiziellen, anspielungsreichen und melodischen Ton, der für den Übersetzer Hans-Christian Oeser immer wieder eine wahre Herausforderung gewesen sein muss. Wiederholt wurde das Werk daher schon mit James Joyces „Ulysses“ verglichen. Solch gewagte Vergleiche sollte man tunlichst vermeiden, dafür ist der „Ulysses“, dann doch ein allzu singuläres Meisterwerk, das Jahrhundertwerk des letzten Säkulums. In der Sprachwucht, in der epischen Aufblätterung ganzer Universen aber eifert ihm sein Landsmann merklich nach.

Das Buch – der Originaltitel „At Swim Two Boys“ spielt auf Flann O’Briens „At Swims Two Birds“ an – ist ein übersehenes Meisterwerk. Seine Präsentation fiel einst just auf den 11. September 2001 und ging infolgedessen erst einmal unter. Der Luchterhand Literaturverlag hat ihn vor einigen Jahren erstmals auf Deutsch herausgebracht, stieß aber trotz guter Kritiken auf wenig Resonanz.

Jetzt hat der Bruno Gmünder Verlag das Opus Magnum noch einmal aufgelegt. Zum aktuellen Gedenken an den Ersten Weltkrieg scheint die Neuauflage ganz gut zu passen. Man kann nur hoffen, dass sie nicht im Wust all der Neuerscheinungen einmal mehr untergeht. Es wäre zu schade.