Umwelt

Heimliche Rückkehr der Tiere

25 Jahre nach dem Mauerfall gibt es auch eine Naturgeschichte der Wende zu erzählen

Die Freizügigkeit der Vögel konnte auch in Zeiten des Kalten Krieges und der stacheldrahtbewehrten Teilung Europas niemand einschränken. Ihre Flügel trugen sie über die Systemgrenze hinweg. Sie nisteten und zogen ihre Brut dort auf, wo der Lebensraum ihnen besonders behagte. Die Industrialisierung der Landwirtschaft machte ihnen im Osten wie im Westen zu schaffen. Noch war man in den 80er-Jahren vom „stummen Frühling“ ein Stück entfernt, aber die apokalyptische Grundstimmung des Jahrzehnts – man denke nur an das „Waldsterben“ – imaginierte die Natur, die natürliche Umwelt als schwer kranken, ja eigentlich moribunden Patienten. Nachrichten, die sich nicht in dieses Bild fügten, kamen nach kurzem Verblüffen in die Ablage fürs Kuriose.

So mag es auch der Botschaft des Bayerischen Bundes für Vogelschutz ergangen sein, der Ende der 70er-Jahre die Beobachtungen vieler seiner emsigen mit Notizblock und Fernglas bewaffneten Mitglieder zusammentrug, die mit derbem Schuhwerk und wetterfester Kleidung dort unterwegs waren, wo sonst nur die Bayerische Grenzpolizei Augen und Ohren hatte, an der „Zonengrenze“ nämlich, wie damals noch jeder sagte. An diesem „Todesstreifen“ fanden die Vogelfreunde – später wird man sie Birdwatcher nennen – eine Üppigkeit und Vielgestaltigkeit der gefiederten Welt wie sonst nur an wenigen Plätzen in Deutschland. Die tief gestaffelten Grenzsicherungsanlagen der DDR, der durch vermeintliche Staatssicherheitsinteressen diktierte Verzicht auf Landwirtschaft, die Aussiedlung eines großen Teils der Bevölkerung machten die innerdeutsche Grenze zu einem Hotspot – auch dieser Begriff sollte erst noch die Runde machen – der Artenvielfalt. Das pfiffen dort nicht nur die Spatzen von den Dächern und auch nicht nur Amsel, Drossel, Fink und Star, sondern eine zum Teil exquisite Vogelschar vom Blau- und Braunkehlchen bis zur Rohrdommel und zum Schwarzstorch.

Ein Elch auf der Autobahn

In diesem Herbst jährt sich zum 25. Mal der Fall der Mauer und der innerdeutschen Grenzbefestigungsanlagen. Die historisch-politische Bedeutung dieser epochalen Zäsur ist seither immer wieder beschworen worden. Zum Jahrestag am 9. November hin wird sich das geschichtspolitische Räsonieren noch gewaltig intensivieren. Ist die Wende von 1989/90 noch das unsere Epoche bestimmende Ereignis? Fährt der Zug noch in Richtung europäischer Einheit und Freiheit? Die Geschichte hat im vergangenen Vierteljahrhundert neue Wendungen genommen, neue Risiken und Gefahren sind aufgetaucht. Die Zukunft ist so offen wie je. Und doch: Der lange Atem des wunderbaren Wendejahres ist noch immer zu spüren, wenn nicht in der institutionalisierten Politik, dann doch in der europäischen Kultur – und vor allem in der Natur des alten Kontinents.

Vor einigen Wochen überquerte ein Elch die Bundesautobahn A13 bei Teupitz in Brandenburg auf einer Grünbrücke. Eine Fotofalle dokumentierte das Ereignis. Elche gehören, wenn auch in kleiner Zahl, seit einigen Jahren fest zur brandenburgischen Fauna. Wenn es sie vorher je dort gab, waren sie spätestens seit dem späten Mittelalter dort verschwunden. Die stetige Ausbreitung der Wölfe in Deutschland beschäftigt seit nunmehr eineinhalb Jahrzehnten Öffentlichkeit und Medien. Managementpläne werden geschrieben, es finden Fachkongresse über Herdenschutz statt. Bundesländer, die noch ohne Wölfe sind, erklären sich zu Wolfserwartungsländern. Auf etwas leiseren Pfoten als der Wolf, also mit geringerem Medienrummel, erobert der Luchs die Wälder der deutschen Mittelgebirge zurück. Auch der Bär wird sich im Alpenraum auf deutschem Boden wieder heimisch machen. Nicht alle Bären sind Problembären wie Bruno.

Eine Storchen-Invasion

Die Rückkehr der großen Beutegreifer ist unter anderem deshalb möglich, weil die Bestände ihrer Beutetiere sich in einem historischen Rekordhoch befinden. Nie lebten in Europa mehr Hirsche, Rehe und Wildschweine als heute. Sie sind die Gewinner, nicht die Verlierer der intensiven Landwirtschaft. Wer hätte es vor 25 Jahren für möglich gehalten, dass der Biber nahezu flächendeckend wieder die Flusssysteme Mitteleuropas bevölkert? Der Weißstorch, im Westen Deutschlands lange fast ganz verschwunden, ist seit einigen Jahren wieder ein vertrauter Anblick, ja manche Vogelschützer fürchten angesichts der Storcheninvasion schon um seltene Bodenbrüter, deren Gelege und Küken in gefräßigen Storchenschnäbeln verschwinden. Und die Züge der Kraniche und der nordischen Gänse bescheren dem naturfrohen Publikum heute regelmäßig Schauspiele, wie sie Jahrzehnte nicht gegeben wurden. Wenn man also fragt, wie sich Deutschland und Europa seit 1989 verändert haben, dann muss eine der Antworten lauten: Die Rückkehr großer, spektakulärer Tierarten in die europäische Kulturlandschaft ist die naturgeschichtliche Folge der geschichtlichen Wende.

Die Signaturen unseres Zeitalters sind widersprüchlich. Einerseits entfesselte nach dem Untergang der sozialistischen Planwirtschaft die freie Marktwirtschaft ihre Kräfte und schien sich auch den letzten Winkel gestockter Zeit und unberührten Raumes einverleiben zu wollen. Andererseits gewann die Idee der Bewahrung des europäischen Naturerbes einen gesellschaftlichen und politischen Rückhalt wie sie ihn bis dahin noch nie hatte. Man mag etwa über den bürokratischen Terminus „FFH-Richtlinie“ lächeln, das politische Projekt, das sich hinter dieser „Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie“ verbirgt, besiegelte 1992 die Beförderung des Lebensraum- und Artenschutzes von einer Neben- zu einer Hauptsache der europäischen Politik.

Nach dem Mauerfall konnte sehr schnell ein politischer Konsens darüber hergestellt werden, den ehemaligen Grenzstreifen, 50 bis 200 Meter zu beiden Seiten des sogenannten Kolonnenweges, als außergewöhnlichen Naturraum zu bewahren. Er bildete zwar die Frontlinie des Kalten Krieges, war aber gleichzeitig aus der Zeit gefallen. Auf 1393 Kilometer zieht er sich heute als Grünes Band durch Deutschland. Europäisch, vom Nordkap bis zum Schwarzen Meer, beträgt die Länge dieses Bandes 12.500 Kilometer.

Der Journalist und Sachbuchautor Rüdiger Dingemann hat dem Grünen Band in Deutschland von der Ostsee bis zur Rhön einen informativen und bildprallen Text- und Fotoband gewidmet. Vier der 16 deutschen Biosphärenreservate schließen sich unmittelbar an das Grüne Band an. Der ehemalige Grenzstreifen verbindet als wichtiger Strang des europäischen Netzwerks unterschiedliche Schutzgebiete. Es wäre vor 25 Jahren mit Kopfschütteln quittiert worden, wenn jemand behauptet hätte, in Deutschland sei es möglich, „auf Safari“ zu wilden Tieren zu gehen. Genau das macht der Journalist Ralf Stork mit seinem persönlichen Reiseführer „Deutschland-Safari“.

Rüdiger Dingemann: Mitten in Deutschland. Malik/National Geographic, München. 224 S., 29,90 Euro.

Ralf Stork: Deutschland-Safari. 15 Reisen zu wilden Tieren. Haffmans/Tolkemitt, Berlin. 240 S., 22,95 Euro.