Humboldt-Forum

Schätze für das Stadtschloss

Ein Besuch in den Museumsdepots in Dahlem, wo man sich auf den Umzug vorbereitet

Dahlem, Ethnologisches Museum, Depot der Abteilung Amerikanische Archäologie. Wir stehen vor der massiven Stahltür, der Schlüsselbund der Direktorin Viola König wiegt gefühlt ein Kilo. Alles gut gesichert in den Depots. Hier lagern die alten, neuen Schätze, die das Humboldt-Forum zum kulturellen Prestige-Projekt Deutschlands machen sollen. Ein Ort im Herzen der Stadt, an dem so viele Länder zusammenkommen, wie Humboldt einst bereiste.

Das Konzept soll 2015 stehen

Ein Schild an der Tür irritiert: eine Warnung vor Fallen im Depot. Brot- und Tabakkäfern und Kleidermotten wird das Handwerk gelegt, falls sie sich der Objekte bemächtigen. Federschmuck oder getrocknete Flaschenkürbisse sind leckere Henkersmahlzeiten. Zehn Mitarbeiter, spezialisiert auf einzelne Materialien wie beispielsweise Keramik, arbeiten in den Dahlemer Depots der Staatlichen Museen, um die Artefakte zu konservieren und zu restaurieren. Draußen ist Sommer, drin im Depot ist es stickig, doch Atemmaske und der weiße Kittel gehören, per Dienstanweisung, zur Arbeitskleidung.

Hier einen Überblick zu bekommen, ist schwierig. Im Depot geht es multikulti zu, Kultur neben Kultur. Mesoamerika, Nordamerika, Südsee, Afrika sowie Ost- und Nordasien. Etwas schummrig ist es schon bei den Amerikanern. Und die hohen Regale sind übervoll: Dicht an dicht liegen Steinskulpturen, klein und groß, Tausende von Gefäßen, Vasen, Teller, viele davon daumengroß wie für die Puppenstube. In einem Schrank regieren jede Menge voluminöse Fruchtbarkeitsgöttinnen. Eine Amphore liegt verpackt auf dem Boden, vier bis fünf Meter hoch. Schwer vorstellbar, welche Funktion sie hatte. In Regal 12 lagert die Südsee, eine halbe Südseeflotte in Noppenfolie eingewickelt wie Mumien nach Diät. Gleich daneben stehen geschnitzte und bemalte Totems. Wenn es böse Geister geben sollte, schlafen sie gerade. Vermutlich lauert in jedem noch so winzigen Artefakt eine kleine Geschichte. Aber mal ehrlich, kein Besucher der Welt kann sich das alles anschauen. Heute, sagt Viola König, würde man prinzipiell anders sammeln. Die Dichte einer Sammlung galt als Qualität, heute arbeitet man stärker themen- und kontextbezogen.

Viola König führt zu den Vitrinen zurück, zeigt auf Dutzende bemalter Teller. „Sie kommen ins Humboldt-Forum.“ Dort wird es eine gläserne Studiensammlung geben. Da kann der Besucher dann – „nicht inszeniert“ – die Vielfalt dieser Gefäße wie in alten Magazinschränken studieren. Das ist zumindest die Idee.

Die Dahlemer Sammlungen werden im Stadtschloss neu aufgestellt. Das endgültige Konzept soll 2015 fertig sein. Es ist ambitioniert, die Ansprüche hoch, denn das Humboldt-Forum soll ein ganz neuer Typus eines Weltmuseums werden, Themen wie Globalisierung und Migration stehen ganz oben an. „Multiperspektivisch“ nennt man das im Kuratorendeutsch. Doch wie soll das konkret aussehen? Wie präsentiert man Objekte für eine digitale Jugend? Und in welchem Kontext zeigen sich die einzelnen Kontinente?

Eine große Geschichte wird es nicht geben, die Welt teilt sich heute in viele Kulturen und Länder ein, das geht weit über den europäischen Horizont hinaus. Die Bezeichnung der „außereuropäischen Sammlungen“ hat Geschmäckle, erinnert an die Kolonialzeit. Die einzelnen Raumordnungen für das Humboldt-Forum sind bereits festgelegt: Ozeanien mit den bekannten Südseebooten zum Thema Navigation; Westafrika: Kolonialismus in Kamerun und Deutschland oder die Gegenwart der Bergvölker.

Viola König ist die Königin von über einer halben Million dreidimensionaler Objekte. Nur zwei Prozent dieses Bestandes sind in Dahlem ausgestellt. 24.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche wird man im Humboldt-Forum insgesamt haben, erzählt sie. Das Ethnologische Museum besetzt davon 12.500 Quadratmeter. „Ein wenig wachsen wir also“, sagt König. Klar, die Auswahl aus dieser enormen Fülle war schwierig. „Es ist das Potenzial dieser riesigen Sammlung, dass eigentlich alle Kuratoren dazu neigen, mehr zu zeigen, als für den Besucher verdaulich ist.“ Das ist ehrlich. Deshalb soll es auch austauschbare Module mit wechselnden Themen geben. Der Begriff „Dauerausstellung“, meint König, tauge nicht mehr für die Gegenwart. „Themen ändern sich beständig mit der Zeit.“ Mit vier Juniorflächen im Humboldt-Forum gibt es einen Ausstellungsbereich für Kinder und Jugendliche, altersgerecht sollen Themen wie Identität, Orientierung und Glaube aufbereitet werden.

Die Highlights aus Dahlem bekommen auch im Humboldt-Forum einen prominenten Platz. Das begehbare Männerklubhaus aus Palau geht mit und natürlich die schönen Boote aus Ozeanien, die wohl jeder West-Berliner kennt. Zwölf Meter hoch sind sie mit Segel bestimmt. Das Haus muss neu gedeckt werden, mit Kokosblättern, die sehen vertrocknet aus nach all den Jahren in Dahlem. Das kann wohl nur jemand aus der Südsee, zumal an dem Gebäude weder geklebt noch genagelt wurde.

Einen „fast track“, einen verdichteten Schnelldurchlauf, sagen wir in etwa anderthalb bis zwei Stunden, quer durchs Humboldt-Forum, wird es nicht geben. „Dort soll keiner wie ein Skater durchbrausen“, sagt Viola König. Jeder Besucher, egal ob aus Johannesburg oder Colorado, jeder kann sich herauspicken, wo er sich aufhält. „Und dann sagen, ,ich komme wieder, um mehr zu sehen‘“, hofft sie.

Körperschmuck und Rituelles

Auf großen Tischen ausgebreitet liegt eine Vielzahl an Objekten. Kinderrasseln aus winzigen Fruchtschalen, Kalebassen gereiht in Papierkisten, Vasen, Armbänder, Ketten, Federbänder, sortiert nach den Gebieten Körperschmuck, Objekte für Kinder und Haushaltsgeräte. Ein Tisch ist für die Ritualgegenstände reserviert. Eine Peitsche, die aussieht wie ein schmaler Feger. Unter der Registrierung VB 5659 findet sich ein merkwürdiges, chirurgisch anmutendes Teilchen aus Vogelknochen, das zu den Schnupfapparaten zählt.

Diese Artefakte sind Gegenstand einer Diskussion, die gerade geführt wird. Im Nebenraum sitzt eine Gruppe aus dem Gebiet des Rio Negro, an der Grenze zu Kolumbien. Viola König und ihr Team suchen Kontakt zu den Nachfahren aus den Herkunftsländern der Objekte. Man braucht das Wissen dieser Menschen, um daraus neue Erkenntnisse gewinnen zu können. Es gab schon Workshops mit einer indigenen Universität in Venezuela, erzählt Kuratorin Monika Zessnik. „In diesem Austausch liegt eine große Chance“, findet sie. „Für beide Seiten. Wir leben in Berlin. Ein Ort wie ein Kulturzentrum.“

Das Problem ist nun, diese Idee vom Humboldt-Forum für die Öffentlichkeit „lecker“ zu machen, sie sinnlich aufzuladen, wie Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) sagt. Deshalb sucht sie gerade verstärkt nach einem weltgewandten Intendanten, der – wie einst Michael Blumenthal das Jüdische Museum –, international verorten kann. Also eine starke, ausstrahlende Persönlichkeit mit der Fähigkeit zu überzeugender Kommunikation.