Interview

„Ich bin eigentlich ein netter Mensch“

Sinéad O’Connor will mit ihrer Musik junge Frauen ermutigen, sich mehr durchzusetzen

Das Aufsehen, für das die Irin in den letzten Jahren sorgte, entsprang eher den Skandalen als ihrem Gesang. Immerhin gelang der 47-Jährigen, die 1990 mit dem Prince-Cover „Nothing compares 2 U“ einen Welthit landete, zuletzt ein kleines Comeback. Doch der Achtungserfolg wurde überlagert von Unzuverlässigkeiten, wegen mentaler Probleme musste sie 2012 auch ihre Deutschlandtournee abbrechen. Jetzt nimmt die vierfache Mutter einen weiteren Anlauf mit einem neuen Album. Das sollte ursprünglich „The Vishnu Room“ heißen.

Berliner Morgenpost:

Warum haben Sie Ihr Album in letzter Minute umbenannt in „I’m not Bossy, I’m the Boss”?

Sinead O’Connor:

Wegen der „Ban Bossy“-Kampagne der Facebook-Topmanagerin Sheryl Sandberg, die mich ungemein beeindruckt hat. Sandberg möchte mit ihrer Aktion Mädchen und junge Frauen ermutigen, Führungspositionen zu übernehmen, sich einfach mehr zuzutrauen. Mir spricht diese Kampagne aus der Seele.

Weshalb?

Weil ich es erlebt habe und bis heute erlebe, dass Frauen im Geschäftsleben nicht ernst genommen werden. Da ich keine andere Branche kenne, kann ich nur über das Musikbusiness sprechen, und dort wirst du niedergemacht, wenn du deinen Mund aufmachst. Früher war die Frauenfeindlichkeit offener und aggressiver, heute ist sie versteckter. Als ich so alt war wie meine Tochter Roisin jetzt, also 18, habe ich nie jemanden gehabt, der mir sagte, es sei in Ordnung, durchsetzungsstark zu sein. Also war ich schwach, habe mich dominieren lassen.

Würden Sie Ihrer Tochter empfehlen, eine Karriere im Musikbusiness anzustreben?

Auf gar keinen Fall! Ich hätte Angst, dass sie so behandelt wird, wie ich damals behandelt wurde. Oder dass man sie fertigmacht, nur weil sie meine Tochter ist. Wissen Sie, ich stehe im Ruf, eine notorische Querulantin zu sein. Die meisten Menschen halten mich schlicht für verrückt. Dabei sage ich nur meine Meinung.

Sie haben sehr öffentlich gegen Papst Johannas Paul II. gewettert, Sie beschimpfen Miley Cyrus, Sie verkünden Ihren Rücktritt, Sie treten vom Rücktritt zurück, Sie diagnostizieren sich selbst eine bipolare Störung und widerrufen diese Einschätzung später.

Ich bin möglicherweise nicht immer diplomatisch. Dabei bin ich eigentlich ein netter Mensch. Ich streite mich überhaupt nicht gern. Höchstens mit Anwälten und Managertypen, die immer versuchen, mich über den Tisch zu ziehen. Leider wusste ich nicht immer, was ich wollte. Und manchmal lief es einfach unglücklich. Ich höre zum Beispiel aus Deutschland, dass die Konzertpromoter mich nicht mehr buchen wollen. Weil ich vor zwei Jahren eine Tournee nicht zu Ende spielen konnte, da ich ein Medikament nicht vertrug. Ich bin also nicht willkommen in Deutschland, dabei würde ich sehr gerne bei euch spielen.

Auf dem Albumcover tragen Sie eine schwarze Perücke und sind zudem schlanker als in echt. Warum das?

Ich sage nur: die Ökonomie der Aufmerksamkeit. Als wir die Pressemeldung mit dem alten Cover, das mich in natura, mit meiner normalen Figur und mit Glatzkopf zeigt, rausschickten, berichteten genau drei Medien darüber. Wir änderten spontan das Cover, und nun berichtet das gesamte Universum darüber. Ich hätte nicht gedacht, dass ein paar Haare so einen Unterschied machen können.

Tragen Sie die Perücke künftig auch bei TV-Auftritten oder auf der Bühne?

Nein. Das Cover reicht. Ich fühle mich mit Glatze viel wohler als ohne.

Album „I’m not Bossy, I’m the Boss“, ab 8. August