Literatur

„Es bleibt doch eine Lust zu lesen“

Michael Kleeberg hat seinen neuen Roman „Vaterjahre“ beendet. Ein Treffen in Frohnau

Bis zur Buchpremiere seines neuen, groß angelegten deutschen Gesellschaftsromans ist es ja noch eine Weile hin. Aber der Countdown läuft. Vor wenigen Tagen wurde in der Berliner Agentur Graf und Graf ein Häuflein Auserlesener mit ersten Kostproben aus dem neuen Werk konfrontiert. Die Lese-Exemplare des 500-Seiten-Wälzers sind an die Redaktionen verschickt. „Vaterjahre“, so heißt auf geradezu altmodische Weise gewichtig das neue Buch, das Mitte August in der Deutschen Verlagsanstalt erscheinen wird.

Geduld ist eine Tugend

Es setzt nach sieben Jahren Unterbrechung die Geschichte von „Karlmann“, genannt Charly, fort. Mit dem berichtete Michael Kleeberg in Updikescher Manier vom Leben und Meinen, Fühlen und Lieben eines Durchschnittsdeutschen der 80er-Jahre. Und erzielte einen beachtlichen Erfolg. Schon die Tatsache, dass er sich bis zum zweiten Band (dem weitere folgen sollen; Kleeberg plant einen Zyklus, spricht von „roman fleuve“), schon die Tatsache also, dass Kleeberg sich soviel Zeit gelassen hat, verrät eine Eigenschaft, die heute unter Schriftstellern rar geworden ist: Geduld. Sowie ein Gefühl dafür, dass auch in der Literatur die Dinge reifen müssen. Verrät es auch Gelassenheit?

„Na ja“, saugt Michael Kleeberg den Rauch seiner Zigarette ein, den er dann genüsslich und mit schief gelegtem Kopf in die gute Frohnauer Luft bläst, „na ja, das kann man so und so sehen. Wenn ich Ihnen jetzt verrate, dass ich mich gerade erst von der gewissermaßen postnatalen Depression erhole, von dieser Phase der Selbstzweifel, ja des Selbstekels, die mich immer überfallen, wenn ich eines meiner Bücher in die Welt entlasse, dann werden Sie mir vielleicht nicht unbedingt Gelassenheit attestieren.“ Tatsächlich, das klingt nicht übermäßig „cool“, wie ja heute jeder „rüberkommen“ will, aber allein der leicht gravitätische Duktus, in dem Kleeberg wohlartikuliert und mit kleinen, der Suche nach präziser Wortwahl geschuldeten Pausen sich erklärt, wirkt dann doch, man ist zu sagen versucht: abgeklärt.

Die nicht im mindesten vorhandene Scheu, auch ausgiebig von Sorgen, Ängsten zu sprechen, die sich im weiteren Verlauf des Abends noch mehrfach zeigen wird, auch wenn Kleeberg sie ausbalanciert mit ebenso deutlich benannten Stimmungen von Überlegenheit und Hochgefühl – kurzum diese ganze Bereitschaft eines Menschen, sich ganz, wie er da ist, in Worte zu fassen, in Worte schön zu kleiden: Das hat doch eher etwas von ausgeprägtem Selbstbewusstsein als von Selbstekel.

Und so wundert sich der Journalist auch nicht, wenn er jetzt auf seine Nachfrage, ob die postnatale Depression auch mit der Sorge darum, wie der neue literarische Erdenbürger wohl aufgenommen wird, zu tun habe, die sehr bestimmte Antwort erhält: „Überhaupt nicht!“ Natürlich wünscht sich Kleeberg, wie wohl jeder Autor, dass die Leser sein Buch lieben werden. Aber Lob und Tadel der Kritik steht er doch erstaunlich gleichmütig gegenüber.

Kleeberg also weiß das, aber es ficht ihn offenbar nicht an. Er sitzt da in seinem Frohnau, am nördlichen Stadtrand von Berlin. Er fertigt seine Übersetzungen aus dem Französischen und Englischen an, damit er vom Schreiben leben kann. Er schichtet Stein auf Stein, Buch auf Buch. Und wenn er sich von der Arbeit erholen will, dann geht er nicht auf die „Book-Release-Partys“ und andere Events der Hauptstadt; nein, er geht in den Garten oder in den Wald, der auch hier, im „Ristorante am Poloplatz“, wie fast überall in der kleinen Gartenstadt Frohnau, die in den gesegneten Jahren vor dem Ersten Weltkrieg entstand, ganz nah ist.

Der Leser gerät unter Druck

Und wie das eigentlich immer so ist, wenn zwei Büchermenschen sich treffen, kommen wir auf unsere jüngsten Leseeindrücke zu sprechen. Kleeberg hat gerade Heimito von Doderer für sich entdeckt, fast erschrocken vor so viel Meisterschaft „Die Strudelhofstiege“ gleich zweimal unmittelbar hintereinander gelesen.

Aber auch einen Zeitgenossen gibt es, der es ihm in den vergangenen Monaten angetan hat: Mircea Cărtărescu, ein rumänischer Autor, in dessen Büchern nichts passiere, in denen keine konturierten Figuren auftauchen, die vielmehr allein von der Sprache leben: „Faszinierend!“, ruft der Autor aus, um etwas leiser hinzuzusetzen: „Aber auch bedrohlich.“

Es gibt leider nicht nur die Überschwemmung des literarischen Marktes durch juvenile Bagatellware, sondern auch durch sehr viel Ungenügendes der Älteren und Alten, die in pawlowscher Reflexmanier einfach an ihrer Masche weiterstricken und auch noch erwarten, dass das Ewiggleiche gelesen, besprochen und möglicherweise sogar mit Preisen überhäuft wird. „Die einen trauen sich nichts, die anderen lernen nichts dazu“, fasst Kleeberg die Diskussion zusammen.

Und er schiebt, vielleicht auch um die kulturpessimistische Luft rauszulassen, die wir nun kräftig inhaliert haben, gleich ein fröhliches „Umso besser!“ nach: „Stellen Sie sich vor, es würden laufend Meisterwerke produziert! Nicht auszudenken, wie einen das als Leser unter Druck setzen würde. So können wir in aller Ruhe den einen oder anderen Klassiker entdecken oder uns die wirklich guten Zeitgenossen erschließen. Eigentlich ist und bleibt es doch eine Lust zu leben und zu lesen!“