Interview

„Ich dachte, meine Karriere wäre vorbei“

Erst 26 und schon ein Comeback: Popstar La Roux über Erfolg, Panikattacken und die Lust nach der Bühne

La Roux ist zurück. Und sie strahlt. Obwohl die Synthiepop-Sängerin, die mit bürgerlichem Namen Elly Jackson heißt, selbst lange daran zweifelte, ob sie ihre Krise überwinden wird. Je größer der Erfolg wurde, desto schlimmer entwickelten sich ihre Panikattacken. Bis schließlich die Stimme ganz wegblieb. Die Hits, die Goldenen Schallplatten, der Grammy 2011 halfen ihr nicht weiter, und der Ausstieg von Produzent und Zweitmitglied Ben Langmaid war ein schwerer Schlag. Doch mit „Trouble in Paradise“ hat die 26-Jährige ihr zweites Album vorgelegt. Ein Treffen in Berlin.

Berliner Morgenpost:

Fasst der Albumtitel „Trouble in Paradise“ Ihre Gefühlslage der vergangenen Jahre zusammen?

La Roux:

Ja, was war das alles ein Elend.

Immerhin können Sie darüber lachen.

Ja, jetzt. Aber wenn du die Probleme gar nicht so schnell bewältigen kannst, wie neue Probleme auftauchen, ist das wirklich hart. Ich dachte tatsächlich, meine Karriere wäre vorbei. So vieles ging schief, und es hat Jahre gedauert, bis ich wieder in die Spur fand.

Sie hatten Schwierigkeiten, mit dem Ruhm zurechtzukommen.

Der Erfolg und das Berühmtsein waren als solches gar nicht mal so schlimm. Umgehauen hat mich die Radikalität, wie sich mein Leben veränderte. Ich hing in Brixton herum, arbeitete in einer Bar, war gerade mit der Schule fertig. Nebenher machten wir das „La Roux“-Album, und auf einmal saß ich quasi der ganzen Welt gegenüber. Ich hatte keinen Filter, redete wild drauf los und musste dann ständig lesen, wie umstritten oder kontrovers meine Aussagen seien. Dabei bin ich lediglich keiner dieser zensierten und dressierten Cartoon-Popstars, die nur Blech reden. Und es bleibt dabei: Ich will lieber unangemessen sein als langweilig.

Wie sind Sie wieder in die Spur gekommen?

Ich musste erst meine Stimme wiederbekommen, bevor ich merkte, dass ich die Bühne vermisst hatte. Ich merkte auch, ich will nicht so sang- und klanglos abtreten. Mir wurde klar, dass ich noch genug Hunger und Antrieb für die Arbeit habe. Also habe ich mich reingehängt.

„Trouble in Paradise“ klingt immer noch nach den 80er-Jahren, der Sound ist aber etwas weicher, sanfter, abgerundeter. Liegt das am Alter?

Der Klang ist etwas wärmer geworden, meine Stimme vielleicht auch. Ich kann gar nicht festmachen, woran das genau liegt. Einen übergeordneten Plan für dieses Album hatte ich nicht, ich habe einfach Songs geschrieben, lange getüftelt und am Computer herumgeschnipselt. Bis ich glücklich mit dem Ergebnis war.

Vor fünf Jahren waren Sie neben anderen jungen Frauen wie Ellie Goulding oder Little Boots Teil einer Mädchen-machen-tanzbaren-Electrosynthiepop-Bewegung. Und jetzt?

Habe ich null Ahnung, wo ich stehe. Wir waren ein ganzes Rudel von Mädels, die meisten sind nicht mehr dabei. Ich fürchte, meine Musik gilt jetzt als Electro Dance Music, was ich im Grunde schrecklich finde. Weil ich EDM, mal abgesehen davon, dass die Amerikaner reichlich spät auf diesen Dance-Music-Zug aufgesprungen sind und jetzt so tun, als hätten sie das alles erfunden, mir zu sauber und kalkuliert klingt. Das ist neuerdings Musik für Stadien, und logischerweise ist für Nuancen dabei kein Platz. Immer nur voll auf die Zwölf. Ich sehe dort nicht so meinen Platz, gerade meine neuen Songs sind doch ziemlich ausgefeilt.

Haben Sie in letzter Zeit bei einem EDM-Festival gespielt?

Zwei Mal. Beim ersten Mal gingen die Leute voll ab, das war echt Wahnsinn. Beim zweiten Mal guckten sich alle nur entgeistert an, weil sie mit meinem introspektiven Zeug nicht zurechtkamen. Ich bin wirklich gespannt, denn ich weiß nicht, wo ich musikalisch hingehöre, und ich kann nur hoffen, dass der Markt für meine Musik überhaupt noch existiert. Das ist zwar ganz befreiend, aber ich veröffentliche das Album in ein schwarzes Loch hinein. Ich denke zum Beispiel: Ich bin 26, und die Musik im Radio ist viel zu jung für mich. Oder anders: Ich bin zu alt fürs Radio.

Dabei dürfte Ihre Musik doch bei 30- bis 50-Jährigen gut ankommen?

Ja, das stimmt. Ich höre oft: Oh, deine Musik erinnert mich an früher. Oder: Bevor ich dich entdeckte, habe ich jahrelang keinen Pop mehr gehört. Witzigerweise kommen meine Songs aber auch bei kleinen Kindern gut an. Die Kinder meiner Freundinnen gehen dabei ab. Mir wäre es auch zu eng, nur die coolen 19-Jährigen anzusprechen.

Ist Annie Lennox ein Idol für Sie?

Total. Als ich noch viel jünger war, gab Annie mir das Gefühl, es ist okay, so zu sein wie ich bin. Sie hat mir gezeigt, dass man mit einem bestimmten Look zwar eine bestimmte Persönlichkeit, aber keine bestimmte sexuelle Identität annehmen muss. Sie ist eine Homo-Ikone, ohne selbst homosexuell zu sein – das finde ich toll.

Sie selbst wehren Fragen zu Ihrer sexuellen Identität stets ab. Warum eigentlich?

Weil ich nicht an sexuelle Identitäten glaube. Kein Mensch ist nur das eine oder das andere. Oder irgendwas dazwischen. Das ist ein dummes, altmodisches Konstrukt. Das Leben ist komplizierter als „Mädchen mag Junge“, „Mädchen mag Mädchen“ oder „Junge mag Junge“. Dass überhaupt Leute sagen können „Ich bin schwul“, das erstaunt mich. Ich könnte das nicht.