Konzertkritik

Ein deutscher Bach mit kanadischem Blech verfremdet

Ein Rentnerquartett begeistert in der Gedächtniskirche

Als Susan Follows, eine kleine ältere Dame und Bassposaunistin des kanadischen Posaunenquartetts „Slide by Slide“, ihre drei Kollegen und sich noch mal vorstellt, traut man zunächst seinen Ohren nicht: Pensionierte Lehrer sollen das sein und ein fast pensionierter Sprungfedernfabrikant? Dieses perfekt intonierende, bestens ausbalancierte und spieltechnisch souveräne Blechbläserensemble, das da im blauen Licht der Gedächtniskirche spielt? Nun, das mit den „Lehrern“ ist eine kokette Irreführung – die Mitglieder der Gruppe unterrichten natürlich Musik, ihr Instrument, geben Kurse und dirigieren daneben große Blas- und Symphonieorchester. Dass der Tenorposaunist John Monkhouse nicht nur Musiker, sondern auch Sprungfedernfabrikant ist, stimmt aber wirklich.

Und überhaupt ist die Frage „Sind das Profis?“ mal wieder eine sehr deutsche. Ein Land wie Kanada ist dermaßen voll mit hervorragend blechblasenden Ärzten, Anwälten und Automechanikern, wie man es sich hierzulande nicht vorstellen kann. Die Marching Bands und riesigen Schul-Blasorchester bringen es mit sich, dass jeder zweite Schulabgänger schon mal so ein goldenes Metallding bedient hat – oft Spaß und lebenslange Liebe inbegriffen. Nicht zuletzt deshalb hat Kanada ein Ideal-Blechensemble wie Canadian Brass hervorgebracht, dessen Arrangements aus der Welt des Blechblasens nicht mehr wegzudenken sind und denen auch die Kollegen von „Slide by Slide“ in der Gedächtniskirche ihren Tribut zollen.

Die Truppe wählt einen steilen Einstieg: Johann Sebastian Bach. Vielleicht glauben sie, den Deutschen zeigen zu müssen, dass sie nicht nach Berlin gekommen sind, um Blasmusik zu machen. Nein, es gibt eine Fuge in d-moll aus dem „Wohltemperierten Klavier“. Individuell klingen die einzelnen Posaunen – da ist der zeitlich versetzte Einsatz der Stimmen von großer Wirkung. Deshalb wird es im weiteren Programm noch mehr Fugen geben, so in einem Abschnitt aus Josef Haydns Oratorium „Die Schöpfung“. In dem klassisch gefügten, akkordisch fundierten Ebenmaß dieser Komposition kommt die präzise Arbeit der Truppe voll zur Geltung. Wobei man sagen muss, dass das Ensemble auch genau diese Präzision, die Homogenität zeigen will. Vielleicht weil man in Deutschland ist, dem Land mit den meisten Kulturorchestern und ihren seismographisch genau ausgehörten Trompeten- und Posaunengruppen, aus denen nie eine Stimme herausplatzt?

Anderes wäre manchmal interessanter. Und eigentlich haben die vier Kanadier individuelle Klangpersönlichkeiten zu bieten. Sie zeigen sie gänzlich erst am Ende des Programms, wenn man in „Oh When the Saints“ auch mal so richtig bratzen oder in einem Song von Billie Holiday blechbläsern vom Elend der Welt künden darf. Es ist ein Abend ohne aufgesetzte Euphorie, doch mit großem musikalischem Können und viel Liebe zu diesem schwierigen, sperrigen Instrument.