Musikfestival

Ganz schön verschroben, die Eidgenossen in Berlin

Alpenidylle in der Metropole: Drei Tage stellt sich die Schweiz im Radialsystem vor

„Hüpfelig-züpfelige“ Ländler und afrokubanische Jazzklänge: Mit diesem farbigen Kontrast eröffnete am Freitag „Schweizgenössisch“, das dreitägige Musikfestival zum Nationalfeiertagder Schweiz im Radialsystem. Die vielbeschworene schweizerische „Vielfalt in der Einheit“ präsentiert Kurator Hans-Georg Hofmann zum fünften Mal seit 2008. (Volks-) Musik in urbanem Kontext ist ihm ein Anliegen: Zum Einstieg feiert der international renommierte Klarinettist und Regisseur Ruedi Häusermann die Kompositionen des „Ländlerkönigs“ Kasi Geisser ebenso wie die liebenswerte Verschrobenheit der Eidgenossen – mit humorvoll-selbstironischem Blick. „Kapelle Eidgenössisch Moos“ zeigt die titelgebenden Musiker bei ihren Vorbereitungen zum alljährlichen dörflichen Unterhaltungsabend.

Mit skurrilen Einfällen vermitteln Häusermann und seine Mitperformer, Herwig Ursin (Akkordeon) und Jan Ratschko (Bassklarinette), in szenischen Miniaturen Schweizer Brauchtum, die Grundlagen der Ländlermusik und die Mentalitätsunterschiede zwischen Schweizern und Deutschen. Wenn der zugezogene Preuße Heinrich (Ratschko) mit deutschem Übereifer schweizerische Institutionen wie das Bankgeheimnis oder das Sturmgewehr kritisiert, wird er einfach niedermusiziert. Einige Stellwände genügen dem Trio, um von der Telefonkabine bis zum Wirtshaus immer neue Bühnenräume zu kreieren. Auf dem Folienprojektor verschmiert der wurstkauende Ratschko einen Klecks Senf zum Bergmassiv. Begleitend zitiert er die Gastroexkurse von Häusermanns Lieblingsautor, Robert Walser. Maccaroni, Eisbein, Bratkartoffeln, Kieler Sprotten – nichts fehlt auf der epischen Speisekarte des schmausenden Schriftstellers, dem Ruedi Häusermann nun schon den vierten Theaterabend widmet. Ähnlich wie bei den anderen Inszenierungen sind Form und Inhalt von „Kapelle Eidgenössisch Moos“ dabei mannigfach und bisweilen etwas zu kunstfertig verschachtelt: Nach und nach werden die für den Unterhaltungsabend geplanten Nummern vorgespielt, Kuriositäten wie das sprechende Bühnenpferd Macarena entpuppen sich als Einlagen, die Walser auf seiner „Reise ins Emmental“ in einem Dorfgasthaus tatsächlich erlebte. Möglicherweise hat dort auch eine „Kapelle Eidgenössisch Moos“ aufgespielt?

Nicht zum Tanz, sondern für ein sitzendes Publikum spielt anschließend das Yilian Cañizares Quartett um die kubanisch-schweizerische Sängerin und Violinistin. Ihre Musik ist eine Mischung aus amerikanischem und afrokubanischem Jazz, Einflüssen von Religion, Klassik und Pop. Ein großartiges Trio ist da gruppiert: Pianist Daniel Stawinski, Bassist David Brito und Percussionist Cyril Regamey. Manchmal wirken Cañizares’ melodiezentrierte Kompositionen den rhythmusorientierten Mitmusikern wie aufgepfropft, verselbständigt sich deren Lust am Jammen, dann wieder schlägt die Vierer-Kombination Funken.

Am Sonntag wartet „Schweizgenössisch“ abschließend noch einmal mit einem Highlight auf: „When I Die“ von Thom Luz und Mathias Weibel ist eine wunderliche Gespenster- und Liebesgeschichte über das Musikmedium Rosemary Brown. Angeblich stattete der Londoner Hausfrau ab 1964 der Geist von Franz Liszt regelmäßig Besuch ab, um ihr – einer vorgeblichen Laiin – Musikstücke zu diktieren. Mit den Jahren notierte Brown im Trancezustand Kompositionen von Beethoven, Bach, Rachmaninov oder John Lennon. Aus den weltweit zusammengeklaubten Noten haben der Regisseur und Rockmusiker Luz und der Komponist Weibel einen atmosphärischen Musiktheaterabend gewebt, sprunghaft, überraschend, komisch und zart verklärend.