Aufführung

Harry Kupfer entdeckt alte Strauss-Oper neu

„Der Rosenkavalier“ in Salzburg mal ohne die üblichen Striche

94 Jahre mussten die Salzburger Festspiele alt werden, bevor sie jetzt den „Director’s Cut“ einer Strauss-Oper erlebten, die alle in- und auswendig zu kennen glauben, einen Klassiker, der an der Salzach fast so sehr Lokalheiligtum ist wie der „Jedermann“: den „Rosenkavalier“, dieses melancholisch verrüschte Meisterwerk über Liebe und Vergänglichkeit. Ganz und gar ungekürzt, und als Gegengewicht zur Best-Ager-Marschallin mit einem virilen Ochs auf Lerchenau, der eben nicht das Klischee vom wohlstandsbäuchigen Falstaff-Vetter aus dem österreichischen Dingsda bediente. Eine ebenso überfällige wie originelle Besinnung auf das Original ist das, perfekt abgestimmt auf das Strauss-Jubiläumsjahr, bei dem die Festspielstadt Salzburg etwas ganz Besonderes aufbieten wollte.

Jeder Strich in der Partitur wird zur Feier des 150. Geburtstags aufgemacht; vor allem aber als Sahnehäubchen einige dramatisch neue Erkenntnisse über den Ochs. Die Zensur hatte vor gut einem Jahrhundert die Hälfte der Mägde-Erzählung gestrichen, in der er sich lang und breit über seine Schürzenjagd-Methoden ausmärt. Hier darf er nun wieder ungebremst schwadronieren. Da Opernregie-Routinier Harry Kupfer mit dem kleiderschrankhohen Österreicher Günther Groissböck einen Mittdreißiger-Ochs so kernig und kerlig auf die Bühne bringt, wie er im Textbuch steht, blüht das Stück unerwartet zu ganz anderem Leben auf.

Überhaupt, die Inszenierung. Fein ist sie, subtil zeichnend und gekonnt. Kein Regietheater-Blick im Zorn, sondern modellierte, traditionelle Bilderbuch-Schönheit mit viel Contenance. Kupfers Konzept kommt durch und durch zurückhaltend daher, er will auf seine alten Tage wohl keinen auf Konzept-Krawall gebürsteten „Rosenkavalier“ mehr. Er will zum sentimentalen Mitfühlen verführen.

Alle Rokoko-Zöpfe werden komplett abgeschnitten. Stattdessen zeigen Kupfer und sein Bühnenbildner Hans Schavernoch Geld- und echten Adel alter Schule im Dunstkreis des Wiener Hofs, so fesch, wie er sich präsentierte, als um 1911, der Entstehungszeit dieser Oper, die Ära der Habsburger begann, sich ihrem Ende zu nähern. Wenn schon, denn schon: Das gilt auch im Orchestergraben. Wenige Tage, nachdem sich die Wiener Philharmoniker unter Christoph Eschenbach im Haus für Mozart mit einem verschlafenen „Don Giovanni“ blamiert hatten, liefen sie hier unter ihrem Chef Franz Welser-Möst zu festspielwürdiger Hochform auf.

Krassimira Stoyanova gestaltet ihren Part als Marschallin von Anfang an nobel und gefasst gelassen. Ihr gelingt die heikle Balance zwischen Abschied und Akzeptanz bestens. Groissböcks Ochs ist, darstellerisch ohnehin, vom Feinsten, mit einer saftigen Leichtigkeit, die ihm einen unwiderstehlichen Schlawiner-Charme verleiht. Auch Sophie Kochs Octavian entspricht voll und ganz den Erwartungen, die man an diese Hosenrolle haben darf. Einzig Mojca Erdmann schwächelte hin und wieder und strahlte in der Schlussszene nur bedingt. Doch das bleibt eine Petitesse, verglichen mit der Begeisterung im Saal über die Gelungenheit dieser Premiere.