Konzeptalbum

Ein Bart in der Menge

Ein Supermarkt-Werbespot bescherte Friedrich Liechtenstein Fans in aller Welt. Mit seinem Elektropop-Album will er nun als Künstler ernst genommen werden. Eine Begegnung in den Alpen

Im Design-Hotel „Miramonte“ sind an diesem Samstagabend Künstler, Typen mit Wirtschaftsstudien und Frauen, die früher mal Stewardess waren, zusammengekommen. Die Frauen trinken milchigen Süßkram, der „Weißer Pfirsich“ heißt. Solche Leute trifft man im sonst scheinbar verlassenen Alpenort Bad Gastein in Österreich. Man hört das Rauschen des Wasserfalls. Man ist umgeben von Bergen und glaubt das radioaktive Glühen des Radons, das dem Quellwasser hier beigemengt ist, mit jedem Drink deutlicher zu spüren. Viele Schwule. Fast keine Drogen. Es wird eine Ausstellungseröffnung in einem ehemaligen Kraftwerk gefeiert. Und die Präsentation von Friedrich Liechtensteins Album. Der Entertainer, der aus dem „Supergeil“-Werbespot, der gelernte Puppenspieler, der Lebemann, der gescheiterte Künstler, der jetzt doch der erfolgreiche Künstler ist, hat kurz vor der Party sein neues Album „Bad Gastein“ im Foyer des „Grand Hôtel de l’ Europe“ in Bad Gastein vorgestellt.

Kokain könnte man aus München liefern lassen, hatte einer noch laut nachgedacht auf der Party am Abend zuvor. Um drei Uhr nachts wurden die letzten getrockneten Pilze aus einem Plastikbeutel zerkaut. Bitter haben die geschmeckt, und am Ende merkten die wenigsten was davon. Ansonsten strictly Gin and Tonic und vielleicht ein Bier.

18 Uhr an jenem Samstagabend. Vor der Party, vor den Pilzen. Liechtenstein kündigt seinen Auftritt mit einem Husten an. Ein erschöpftes Husten. Wir machen jetzt Soundcheck, sagt seine Managerin. Man muss wissen, dass Bad Gastein mal glamourös war. Die Kaiser Franz Joseph I., Wilhelm I. und Wilhelm II. waren dort. Hermann Göring auch. 1915 muss Bad Gastein der schönste Ort der Welt gewesen sein.

Erst mal eine Darmsanierung

Seit einigen Jahren versuchen ein paar Hoteliers, den Tourismus in dem 4300-Einwohner-Dorf wieder anzukurbeln und eine Art kleines Berlin nachzubauen. Im Schutz der Berge, provinziell, aber mit Kunst und vielleicht auch mit dem Koks aus München. Urlaub vom Feiern mit Partys ist das Konzept. Die Gesellschaft, die man heute hier trifft, kommt nicht aus Bad Gastein, sondern aus Mailand, Wien oder Berlin. Die Gäste sonnen sich im morbiden Charme des Ortes, der seine beste Zeit hinter sich hat, aber nun wieder an sie anknüpfen will.

„Gibt es vielleicht schon einen Drink?“, fragt ein Besucher einen ganz in Weiß gekleideten Mann im Foyer. „Aber nein. Ich bin doch der Masseur vom Liechtenstein“, sagt Ronnie Denalane. Ronnie hatte keine Lust mehr auf Berlin. Er war dort Heilpraktiker und spezialisiert auf Darmsanierungen.“

Sein heutiger Klient Friedrich Liechtenstein wurde als Hans-Holger Friedrich in Stalinstadt, heute Eisenhüttenstadt, geboren und war mal Leiter eines Kulturhauses in Sachsen. Nach der Wende geisterte Friedrich Liechtenstein als Alleinunterhalter mit Einmannstücken durch Berlin. Er lebte bei Freunden in Mitte. Er war der Schmuckeremit. Aber das große Geld kam nicht rein. Im Februar 2014 wurde er durch ein Werbevideo für Edeka berühmt. Fünf Monate später steht er jetzt hier. Im Bademantel im Foyer eines Grandhotels. Liechtenstein hat es geschafft, in weniger als einem halben Jahr all den Erfolg nachzuholen, der ihm fast 60 Jahre verwehrt blieb.

In Mitte hat er jetzt eine Wohnung für sich. Liechtenstein ist auf dem Weg, ein Star zu werden. Ein Weltstar. Am Tag des Konzerts in Bad Gastein twitterte Tom Hanks: „Noch ein Grund, das faszinierende Eisenhüttenstadt in Deutschland zu besuchen. Dieser Typ!“ Und dazu einen Link zur „New York Times“, die über Liechtenstein schreibt: „Einst ein Schmuckeremit. Jetzt ein Liebling der deutschen Medien.“

Es ist jetzt sieben Uhr. Liechtenstein beginnt seine Performance mit einer Rede. „Es wäre gut, wenn ihr nicht so laut redet, während ich singe. Weil ihr seid dann lauter als ich. Ihr habt bestimmt schon bemerkt, dass ich etwas verschnupft bin. Das ist lustig. Ich habe es auch im Rücken. Das ist auch lustig. Das sind drei lustige Dinge, um ein Konzert zu geben für ein Konzeptalbum, das ,Bad Gastein‘ heißt und in dem es darum geht, dass ein alter Sack, sag ich mal, nach Bad Gastein geht, um sich gesund machen zu lassen.“

In Liechtensteins leichtfüßigem Über-den-Boden-Gleiten, in seinem Tänzchen auf den Nasen der versammelten Gesellschaft liegt ein Glanz, eine Aura, die die Schönheit aller jemals in Bad Gastein erlebten großen Momente widerzuspiegeln scheint. Aber tanzt Liechtenstein dem Gamsbock-Jetset wirklich auf der Nase herum? Die wievielte ironische Brechung einer ironischen Brechung ist dieses Spektakel hier? Die Präsentation von elektronisch verträumten Songs über Hotels in Bad Gastein, über die Heilkraft des mit Radon verseuchten Wassers, über das Finden und Suchen der Liebe, die Wiederentdeckung der Natur im Anblick des Wasserfalls? Werden nicht Kitsch und Ironie nach der vierfachen Umdrehung ernst? Ist dieser ganze Bad-Gastein-Auftritt nicht schon allein ein Gag? Das Bergpanorama, Hermann Göring und die Darmsanierungen.

Das echte Berghain mit Bergen

„Es regnet, es macht nichts/ Der Regen ist gut für die Parks/ Nicht so gut für die Tapeten im Schloss/ Du hast vergessen, die Fenster zuzumachen/ Du bist böse.“ Das singt Liechtenstein im Stück „Das Badeschloss“, unterlegt von Streichern. Zum Weißen Pfirsich im „Miramonte“ kommt Liechtenstein nach seinem Auftritt noch mit, ehe er früh und ohne von den Pilzen zu naschen ins Bett geht und seine Krankheit wegzuschlafen versucht.

Um zwölf Uhr mittags am Sonntag, dem Tag nach der Party, treffen wir uns im Frühstückssaal im „Hotel Regina“. Liechtenstein hat leicht geschwollene Augen. Er trägt wieder den Bademantel. Darunter ein blaues Hemd. Es spannt über dem Bauch. Sein Brusthaar ist grau. Hemingway sah kurz vor dem Mittagsschlaf sicher genauso aus.

Der Ort scheint seltsam ernüchtert. Einen Film will Liechtenstein jetzt machen. Etwas, das bleibt. Ein Konzert ist flüchtig. Eine Performance sowieso. Ein Album aber bleibt. Ein Film erst recht. Auch wenn man Stunden mit ihm redet, verstehen kann man das nicht. Da ist nur so ein Gefühl. Wie das Rauschen des Wasserfalls. Was war das eigentlich gestern? Macht sich Liechtenstein über die Gesellschaft lustig, oder ist er jetzt Teil der Gesellschaft? Ist sein Tanz auf der Nase in Wahrheit ein Tanz mit dem System? Liechtenstein gibt eine Antwort, die nur Liechtenstein geben kann: „Hier kommt großes, kaltes Wasser von oben und landet in einer heißen Quelle. Das ist ein magischer Ort, mit großer Anziehungskraft. Eine Verbeugung vor der Natur. Alles andere, was hier drum herum gebaut und erzählt wird, ist marginal. Alles andere geht. Aber dieser Wasserfall bleibt.“

Mit diesem Gedanken stehen wir jetzt vor dem alten Kongresszentrum. Es steht wie ein Fremdkörper in der Natur. Beton. Beton. Beton. Und obendrauf Glaskuppeln. „Das wär’ doch endlich das echte Berghain“, sagt Liechtenstein, „mit echten Bergen drum herum.“ Er findet die Idee gut, in dem Brutalismus-Bau eine alte Diskothek wiederzubeleben. „Das Geheimnis einer guten Party sind Schwule und Drogen“, sagt Liechtenstein noch, bevor wir uns eine letzte Kugel Eis kaufen. Man denkt an den Kurier aus München. Wir winken uns noch einmal, ehe er in einem Restaurant verschwindet. Das Rauschen aber bleibt.

Das Album Friedrich Liechtenstein: Bad Gastein (Heavy Listening)