Serie: Neu in Berlin

Die Seele suchen

Keine Stadt bietet Künstlern so viel Raum wie Berlin. Das hat auch Marin Majic entdeckt, der über den Umweg Zagreb hierher kam

Eigentlich darf keiner rein in sein Atelier, selbst für Künstlerfreunde ist es dicht. Das soll etwas heißen! Marin Majic befindet sich gerade in der „Kunstakademie-Phase“. Dabei hat er das Studium schon vor etwa zehn Jahren abgeschlossen. „Ich brauche meine Ruhe.“ Das heißt, er steht vor einer weißen Leinwand und erfindet sich neu, sucht nach „anderen Bildern“, sagt er. In seinem Kopf, klar, und ja, im Computer, wo er die Motive auf Flickr oder Instagram generiert.

Er holt ein altes Familienfotoalbum heran, fängt an zu blättern. Das Studio ist nahezu leer, die wenigen Großformate, die an der Wand lehnen, kehren uns den grauen Rücken zu. Nichts zu sehen, das ist schade bei einem Maler wie Marin Majic. Seine Gemälde könnten Schnappschüsse sein, doch sie sind altmeisterlich gemalt. Also Hingucker.

Neue Schau in New York

Dass es keine Gemälde mehr gibt, ist ein ziemlich gutes Zeichen. Alles verkauft, auf der letzten Ausstellung bei Arndt in der Potsdamer Straße. Bis auf ein kleines Porträt auf Kupferplatte, das steht nun am Fensterrahmen, zur Erinnerung. Im Frühjahr nächsten Jahres plant die New Yorker Galerie Marc Straus eine neue Schau mit ihm. Dort hatte Majic im vergangenen Jahr schon eine Präsentation, seine surrealen Gemälde preist man in Manhattan als eine Mischung zwischen „mystery and comedy“ an. Das dürfte so ungefähr jeden Geschmack treffen. Jedenfalls müssen Bilder her. Marin Majic zögert, wo andere 35-jährige Künstler sich freuen würden. Ist das vielleicht Koketterie? „Was Neues braucht Zeit“, meint er. Schließlich produziert man Bilder nicht am Fließband. Da kann man sich schnell verbrennen, vorbei mit der Karriere. Also Kunstakademie-Phase.

Farbtuben verteilen sich quer durchs Studio, da ein Handschuh, dort Pinsel und Spachtel. Auf dem Laptop blinken verschiedene Fotos auf. Auf dem Boden liegt eine Leinwand, vielleicht 60 Zentimeter groß, seine überdimensionierte Palette. Farbhäufchen darauf, orange, rot, weiß, Yves-Klein-blau. „Ein Schlachtfeld“, findet Majic. Sieht fast so aus, als versucht er sich gerade an der Abstraktion. Das wäre wirklich etwas anderes. Eigentlich kommen seine Motive ja aus dem Netz. Vertraute Szenen, bekannte Bilder. Kennen wir alle, Vater mit Sohn, ein Trachtenbub im Wald, eine deutsche Hecke. Doch diese Motive setzt der Wahlberliner neu zusammen, das Vertraute fremdelt, gerät seltsam in eine Schieflage. Das wirkt in der Melange in etwa so, als hätte Caspar David Friedrich in der hitzigen Toskana Oleander bei Nacht gemalt.

Aufgewachsen ist Marin Majic, Jahrgang 1979, in Frankfurt am Main. Seine Mutter ist deutsch und lernte seinen Vater, der aus Kroatien stammt, während des Studiums kennen. Der Vater kommt aus einem bitterarmen Dorf in Dalmatien, nur durch den Eintritt in ein Franziskaner-Kloster erhielt er Zugang zur Bildung. Und weil sich Kommunismus und Religion spinnefeind waren, kam er mit einem leeren Koffer und ganz wenig Geld nach Deutschland. Marin aber, der zweisprachig ist, fühlt sich als „Emigrantenkind nicht richtig deutsch“, so geht er nach dem Abitur in die Heimat seines Vaters. „Die Seele suchen“, nennt er es. „Ich wollte eine Verbindung herstellen, zu einem Teil von mir.“

Hier kann man gut experimentieren

In Zagreb gibt es eine Kunstakademie, die Academy of Visual Arts, da schrieb er sich ein. Im Jahr 2002 war die Stadt lebendig, die „Leute auf der Akademie sind lustig“. Ein anderes Leben, es wird viel improvisiert, viel getrunken. Doch Majic merkte, „das Limit ist schnell erreicht, ich kann nicht lange bleiben“. Galerien gibt es nicht und eine vitale Club- und Kunstszene wie in Berlin auch nicht. „Kunst“, erzählt er, „hat dort nicht den Stellenwert wie hier.“ Und dann wurden doch sieben Jahre daraus in Zagreb. Ein Sammlerehepaar aus Upstate New York begeisterte sich für seine Malweise. So kam er 2013 zu seiner ersten Ausstellung in New York.

Marin Majic holt wieder das Fotoalbum ran, seine Mutter hat es ihm zusammengestellt. Er deutet auf den deutschen Teil der Familie, dann den kroatischen. „Sie sehen einfach anders aus. Gastarbeiterfotos“, findet er. Diese Balance zwischen den Kulturen, das beschäftigt ihn in seiner Malerei. Deshalb wohl überschneiden und verschieben sich die Sphären seiner Bilder auch so: Das Fremde im Eigenen, das ist sein Thema.

Nach dem Studium in Zagreb zog es ihn zurück nach Deutschland. „Schon komisch, aber ich musste erst weggehen“, meint er, „um zu sehen, wie deutsch ich bin.“ Nach Frankfurt wollte er nicht. Es konnte nur Berlin sein, hier spielt die Kunst. Ohnehin waren hier mittlerweile viele seiner alten Frankfurter Freunde. 2012 bezog er sein Studio. Er kennt die Stadt, sein Bruder lebt hier seit 1997.

Damals haben die beiden noch viel Party gemacht, das ganze Wochenende lang, wie das so ist, wenn man jung ist in Berlin. „Hier gibt es einfach mehr Freiräume“, sagt er. Und es gibt Initiativen wie die Art Week oder das Gallery Weekend, eine „gute Sache“. Wobei sich die Kunstszene in den letzten Jahren dezentralisiert hätte, Märkte wie Brasilien oder Südostasien werden immer stärker.

Na ja, es lässt sich gut „rumexperimentieren in Berlin“, wie es „nicht mal mehr in New York möglich ist. Die Stadt ist dicht.“ Viertel wie East Village oder selbst Williamsburg haben längst ihren wilden Charme und die Ateliers verloren. Wer hat in New York oder Paris schon ein relativ zentrales Atelier von 85 Quadratmetern für weniger als 600 Euro? Sein Studio im putzbröckelnden Hinterhof an der Prenzlauer Promenade, gleich gegenüber der Brotfabrik, ist großzügig und licht, zwei griechische Studentinnen werkeln, wenn sie mal da sind, nebenan. Ein Tanzstudio befindet sich im Erdgeschoss. Zum Alex braucht er mit der Tram 12 Minuten.

Marin Majic hat einen jungenhaften Charme, sein Optimismus kann sicher viele anstecken. Er kniet am Boden, bietet Wasser an. Heute sei er nicht „mehr so viel im Umlauf“, er sei „geläutert“, da lacht er. Also weniger Partylaune, sonst kommt er zu nichts. Sieben Tage die Woche ist er im Atelier, morgens Frühstück, dann arbeitet er bis spätabends.

Im Herbst geht er wahrscheinlich nach New York. Dort lebt seine Freundin, sie produziert Werbe-Clips. Sie kennt er aus seiner Frankfurter Schulzeit. Berlin will er natürlich nicht aufgeben. Gerade sucht er noch eine neue Wohnung. Dann kann er jederzeit wieder zurückkommen.

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