Ausstellung

In den Tiefen des deutschen Waldes

Julian Rosefeldt beschäftigt sich bei Arndt mit dem widersprüchlichen Thema „Heimat“

Heimat ist kein leichtes Thema, besonders nicht in Deutschland, wo sich Heimatgefühle eigentlich nur im Zusammenhang mit Fußball wirklich ungehemmt ausdrücken können. Auch für den 1965 in München geborenen Fotografen und Medienkünstler Julian Rosefeldt ist das Verhältnis zur Heimat ein ambivalentes.

Im Nachsinnen darüber dachte er vor allem an den deutschen Wald, der als symbolhaft überhöhte Natur tief in die nationale Identität der Deutschen eingeschrieben ist. Seine Vierkanal-Videoinstallation „Meine Heimat ist ein düsteres, wolkenverhangenes Land“ spielt virtuos mit der kulturellen Vielschichtigkeit des Waldes. Mit Versatzstücken aus absurden Rückenansichten im Stile Caspar David Friedrichs, Grimmschen Märchenfiguren wie Hänsel und Gretel oder Rotkäppchen sowie mythischen Gnomen und Elfen, Gedichtsfragmenten von Eichendorff, Goethe, Tieck und Heine zum Wald, Protestlern der Ökologiebewegung, Campern und Mountainbikern als Naturliebhabern unserer Zeit und einem einsamen Wolf, der sich in den Tiefen des Waldes verliert. Als Inkarnation unbezwingbarer Natur schafft Julian Rosefeldt ein assoziationsreiches Porträt des Waldes und sich daran knüpfender Assoziationen von der Romantik bis heute.

In eindrucksvollen, oftmals surrealen Bildern nähert er sich dem widersprüchlichen Gefühl zur Heimat. Die vier Screens kommentieren sich dabei gegenseitig und schaffen unterschiedliche Tempi der Wahrnehmung, vor allem lösen sie alles Erzählerische auf, auch wenn damit gespielt und der Betrachter zeitweilig in die Irre geführt wird. Zu sehen ist diese Videoarbeit von Julian Rosefeldt, die 2011 erstmals vom Jüdischen Museum präsentiert wurde, in der Galerie Arndt Berlin (Preis: 75.000 Euro). Weitere Werkreihen des Künstlers zeigen, dass er sich schon seit 20 Jahren in seinen Fotoarbeiten und Film- und Videoinstallationen sehr intensiv mit deutscher Geschichte auseinandersetzt. „Archiv der Archive“ – ebenfalls bei Arndt zu sehen – ist eine Serie aus Schwarzweißfotografien, die in minimalistischer Strenge absurdeste Archive in München dokumentiert: die Sammlung der Stempel, mit denen die Süddeutsche Zeitung Artikel anderer Medien nach Rubriken kategorisierte, ein Regal mit vergessenen Regenschirmen, eine Anhäufung von zum Recyceln nach Westdeutschland gebrachten Stahlhelmen aus NVA-Beständen oder aus dem Museumsdepot ausgelagerte Nazikunst im Zollamt-Lager.

Die Fotoserie „Hidden City“, die im November auch in der Tate Modern in London zu sehen sein wird, knüpft an die Fotoinstallation „Stadt im Verborgenen“ an, die Julian Rosefeldt 1994 zusammen mit Pierlo Steinle schuf. Hinter den sauberen Fassaden Münchens entdeckten sie die nationalsozialistische Vergangenheit der Stadt und fotografierten rund um den Königsplatz Orte wie den ehemaligen sogenannten „Führerbau“ und den einstigen Verwaltungsbau der NSDAP, die Überreste der beiden Ehrentempel sowie ein komplexes System aus Bunkern und Verbindungsgängen darunter. Mit ihrer Serie machten die beiden Künstler ein Stück Stadtgeschichte sichtbar.

Arndt Berlin, Potsdamer Str. 96. Di, Mi, Fr 20-18 Uhr, Do 10-20 Uhr. Bis 20. 8.