Abschied

Der unbeirrbare Filmemacher

Aufdringlich, übergriffig, belehrend – und immer wirkungsvoll: Der Berliner Regisseur Harun Farocki ist tot

Harun Farocki ist tot. Der erste Gedanke, der sich nach dem Schreck einstellt, ist seltsam. Wie hätte Farocki selbst diese Nachricht wohl übermittelt? Mit welchen Bildern seinen Nachruf begonnen? Ganz sicher wäre kein Platz für Sentimentalität. Persönliche Anekdoten schienen nebensächlich. Dann stellen sich Erinnerungen ein, Fetzen aus seinen Dokumentationen, aus Essays, Installationen, aus zahlreichen lesenswerten, streitbaren Interviews. Seine Arbeiten tragen oft sprechende, mitunter sperrige Titel wie „Zwischen zwei Kriegen“, „Georg K. Glaser – Schriftsteller und Schmied“, „Arbeiter verlassen die Fabrik“, „Die Schöpfer der Einkaufswelten“, „Gespenster“.

Ein Fußballer, der über den Rasen hetzt, ohne sichtbaren Sinn, ohne Ziel, den die Kamera verfolgt, der immer wieder an ihrer Kadrierung zu scheitern scheint, zurückgedrängt wird, es nicht aus dem kleinen Kasten schafft, warten muss, bis der kleine weiße Ball wie von sich aus zu ihm kommt, nur um Sekunden später weggetreten zu werden. Rings herum in einem dunklen Raum elf weitere Flachbildschirme, die alle das gleiche Spiel zeigen, das Finale der Fußballweltmeisterschaft 2006, Frankreich gegen Italien. Komplett. Es geht nicht ums Ergebnis, sondern darum, „wie man sieht“, um noch einen weiteren, früheren Farocki-Titel zu zitieren. „Deep Play“ nannte Farocki diesen visuellen Overkill, den er 2007 auf der zwölften Documenta installierte, zwei Jahre später dann auch im Rahmen einer ihm gewidmeten Ausstellung im Kölner Museum Ludwig.

38 Jahre früher sah man Farocki an einem Tisch sitzend, schwarzweiß natürlich, den Blick in die Kamera gerichtet. Von einem Blatt, das vor ihm lag, las er vor. „Eine Aussage vor dem Vietnam-Tribunal in Stockholm“. Sie stammte von einem 1949 geborenen Vietnamesen, der „hier die Verbrechen der amerikanischen Imperialisten, begangen an mir und meinem Dorf“ anzeigte. Dann hob Farocki den Blick und sprach den Zuschauer an, wie der Sprecher einer Nachrichtensendung. „Wie können wir Ihnen einen Napalm-Einsatz und wie können wir Ihnen Napalm-Verletzungen zeigen? Wir können Ihnen nur eine schwache Vorstellung davon geben, wie Napalm wirkt.“ Er nahm sich eine brennende Zigarette und drückte sie auf seinem nackten Arm aus.

Aufdringlich, übergriffig, belehrend war das. Aber auch ein wirkungsvoller Akt, eine partielle Globalisierung des Schmerzes. „Nicht löschbares Feuer“ heißt der Film, der mit dieser Szene beginnt. Er lief im Juli 1969 zum ersten Mal im Fernsehen. Da hatte Harun Farocki gerade sein Studium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin hinter sich, wo er zum Gründungsjahrgang gehörte. Die DFFB markierte damals den Aufbruch in eine neue Zeit. Geboren war Farocki noch in der alten, 1944 in Nový Jičín, im damals noch von den Deutschen annektierten Teil der Tschechoslowakei. Als Dozent sollte er später die Welt sehen, unterrichtete zwischen Düsseldorf und Manila, eine Professur führte ihn an die University of California. Mit 30 wurde er Redakteur und Autor der Zeitschrift „Filmkritik“, er blieb es bis zu ihrem Ende 1984. Wenn er nicht filmte, Arbeitswelten, TV-Shows, Kreditvergaben-Verhandlungen oder die Produktion eines Playboy-Folders dokumentierte, schrieb er, auch über andere, die filmten. So machen es heute auch einige deutsche Regisseure, aus dem Feld der sogenannten Berliner Schule, Autoren und Redakteure der Filmzeitschrift „Revolver“, die sich auch auf Farocki immer wieder bezogen.

Denn bevor Dokumentarfilme im Kino wieder ihren Raum eroberten, das begann wohl etwa mit Anders Veiels „Black Box BRD“ 2001, hatte sich Harun Farockis genauer Blick, seine präzise Autorenschaft ins Kino geschlichen, in die Filme von Christian Petzold, als dessen Co-Autor er immer wieder in Erscheinung trat. Mit dem Drama „Die innere Sicherheit“ gewannen sie 2001 den Deutschen Filmpreis in Gold. Ihr letzter gemeinsamer Film „Phoenix“ wird am 25. September ins Kino kommen. Eine fiktionale Reise, fast 70 Jahre zurück, nach Deutschland im Jahre Null. Nun ist Harun Farocki tot, er wurde 70 Jahre alt. Im Museum für Gegenwart Hamburger Bahnhof ist gerade seine Ausstellung über die Folgen eines Krieg zu sehen: „Ernste Spiele“.