Ausstellung

Fotografen und Künstler auf Friedensmission

Rückschau auf den Ersten Weltkrieg: Zwei Ausstellungen beleuchten die Katastrophe

Gasmasken, Kriegspostkarten und die Angst in den Schützengräben: Allerorten, quer durch die Republik behandeln die Museen die Ur-Katastrophe vor 100 Jahren – ihre Ursachen, ihren Verlauf und die Auswirkungen. Einen geballten Rückblick gibt es dieser Monate in Berlin im Deutschen Historischen Museum, am Kulturforum, im Bröhan-Museum und im Käthe-Kollwitz-Museum. Die Herausforderung für die Kuratoren wird von Schau zu Schau größer, muss doch jedes Mal ein neuer, wenig beleuchteter Aspekt gefunden werden. Den Ausstellungsreigen beschließen nun das Brücke-Museum und der Martin-Gropius-Bau mit zwei ganz unterschiedlichen Präsentationen.

Entdeckung eines Bildermachers

Gereon Sievernich, Chef des Gropius-Baus, zeigt keine Front, sondern setzt auf die lebendige Zeit kurz vor dem Krieg. Wer Florian Illies „1913“ gelesen hat, weiß, wie dieses Jahr bebte und schillerte. Das wäre nun nichts Neues und Erstaunliches, wenn Sievernich nicht eine Entdeckung ans Licht der Berliner Öffentlichkeit holen würde: Den französischen Banker und Visionär Albert Kahn (1860-1940), über dessen ausgefallenes Leben und sein Museum mit japanischem Garten bei Paris man gerne noch mehr erfahren möchte.

Der Franzose hatte jede Menge Geld und die Idee, dass Kenntnis und Wissen über das Andere, das Fremde zu einer Art der Verständigung unter Menschen und somit zum Frieden führt. Sein Motto: „Der kürzeste Weg zu sich selbst, führt um die Welt herum.“ Man darf diese Friedensmission naiv nennen, denn die Utopie scheiterte. Ein wenig aber ähnelt dieser Ansatz doch dem Konzept von Daniel Barenboim und seinem West-Eastern-Divan-Orchestra. Musik verbindet. Bei Kahn sollte es die Farbfotografie sein, die 1907 als Autochromverfahren von den Brüdern Lumière erfunden wurde.

Kahn war ein früher Bildermacher der Welt in Farbe: Er schickte vier Fotografen gleichzeitig auf zwei Reiserouten um den Globus, damit sie dort das Leben mit der Kamera festhalten. Indien, China, Türkei, Europa, alles dabei. Er selbst ging mit seinem Chauffeur auf Tour, bis nach China. Der Fahrer wurde sogar fürs Filmen eingespannt, wann immer Kahn es für nötig hielt, griff der zur Kamera und filmte: die Einschiffung, die chinesische Mauer, Eselskarren, Menschen auf dem Markt. Kahns Fotoleute suchten nicht etwa das Besondere, sondern vor allem Alltag: der junge Muslim vor einem byzantinischen Tor, ein Steg mit Fischerbooten, drei Frauen in traditionellen Kleidern. Bis 1930 entstanden 180 Kilometer Film und mehr als 72.000 Farbfotografien, gezeigt werden 140. Rundum ein Atlas der Kulturen.

Schauen wir diese Bilder heute an, so muten sie pittoresk an oder, ja, folkloristisch. Nur: Touristen gab es damals nicht, in Europa sah man diese Motive zum ersten Mal oder eben nur in Foto-Alben britischer Kolonial-Offiziere. Leider aber stellte Kahn, der als Jude im Elsass aufgewachsen war, seine „Archives de la planète“ nicht etwa einer Öffentlichkeit vor. Nur in seinem elitären Salon wurden die Fotos präsentiert. Ausschließlich Prominenz kehrte dort ein, der Deutsche Kaiser, das japanische Prinzenpaar, Diplomaten, Philosophen.

Im Brücke-Museum nimmt man sich dagegen das Schaffen der Kunstrebellen von einst vor. Wie arbeiteten sie unter dem Druck von 1914 bis 1918? Man geht auf die einzelnen Künstler ein und veranschaulicht überzeugend, wie vielfältig ihre Reaktionen auf die Wucht dieses einschneidenden Ereignisses war – und wie überraschend zahm. Alle hatten sie sich vom Krieg neue Impulse erhofft. Ernst Heckel schrieb, nachdem er sich vergeblich zum Dienst im Feld gemeldet hatte, enttäuscht: „Ich hätte ja gern mitgehalten und diese ganz starken Eindrücke aus nächster Nähe miterlebt.“ Doch die starken Eindrücke führten bei keinem der ehemaligen Brücke-Künstler – die Gruppe hatte sich 1913 aufgelöst – zu einer radikalen Erneuerung ihrer Kunst. Vielmehr näherten sich die einstigen Avantgardisten, wenn überhaupt, nur behutsam dem Thema an, verzichteten weitgehend auf die Darstellung von Zerstörung und Gewalt. Bei Erich Heckel, der als Sanitäter in Flandern und schließlich in Ostende stationiert ist, findet das Thema noch am deutlichsten Eingang in sein Werk: Er malt Soldaten, Sanitäter, Verwundete und sehr pietätvoll auch den ein oder anderen Toten. Ebenso wie bei ihm finden sich auch bei Karl Schmidt-Rottluff, der ebenfalls an der russischen Grenze stationiert ist, vermehrt religiöse Themen.

Auch sonst schaffen alle Künstler eher Gegenwelten zum Krieg, idyllische Landschaften, Porträts von Freunden. Sie wollten nicht etwa die grausamen Ereignisse dokumentieren, sondern verstanden sich als Schöpfer geistiger Werte, die den Krieg überdauern sollten.

Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, tgl. 10-20 Uhr. Bis 2.11. Brücke-Museum, Bussardsteig 9, tgl. außer Di 11-17 Uhr. Bis 16. 11.