Raumfahrt

Völlig losgelöst

Wie wird man ein guter Astronaut? Der Kanadier Chris Hadfield weiß es zu berichten

„Juchu!“, rufen die drei Raumfahrer, als sich in fünf Kilometer Höhe über ihnen der Hauptfallschirm ihrer Kapsel öffnet. Eben noch wackelte und drehte sich ihr kleines Fahrzeug „wie verrückt“, nun wird der Flug stabil. Die Federn unter den drei Sitzen fahren maximal aus, dann kommt die Landung, die eher ein Aufschlagen ist, in der windigen kasachischen Steppe. Nach gut fünf Monaten im All ist der Kanadier Chris Hadfield, zusammen mit dem Russen Roman Romanenko und dem Amerikaner Thomas Marshburn von der „Internationalen Raumstation“ (ISS) zurückgekehrt. Hadfield ist durchgeschwitzt, die Kapsel liegt auf der Seite, er hängt kopfüber in seinem Sitz, draußen dröhnen die Motoren der Rettungshubschrauber. Schließlich wird die Luke aufgestemmt, und die ersten Worte, die Hadfield (auf Russisch) hört, lauten: „Chris, das Video ist umwerfend, es hat uns stolz gemacht.“ Gemeint ist Hadfields auf der ISS gedrehtes Musikvideo – eine Cover-Version des David-Bowie-Songs „Space Oddity“.

Kraft des negativen Denkens

Als Hadfield, mit Übelkeit kämpfend, nach der Landung auf einer Pressekonferenz erscheint, fragt man ihn: „Wussten Sie, dass ‚Space Oddity‘ sieben Millionen Klicks hat?“ Hadfield weiß das nicht. Schnell bemüht er sich zu erklären, „dass es bei der Expedition 34/35 nicht darum ging, ein Musikvideo zu drehen“. Worum aber ging es dann? Oder anders gefragt: Was hat der Kanadier fünf Monate lang auf der ISS gemacht, was macht der deutsche Astronaut Alexander Gerst derzeit dort, was machen die überhaupt da oben?

Eine Antwort kann man in Hadfields Buch „Anleitung zur Schwerelosigkeit – Was wir im All fürs Leben lernen können“ finden. Darin erzählt Hadfield von seinem frühen Entschluss, Astronaut zu werden: Den fasst er im Alter von neun Jahren, als er bei den Nachbarn im Fernsehen die Mondlandung sieht. Nur wie? Hadfield wächst auf einer Maisfarm in Kanada auf, und alle Astronauten sind damals US-Amerikaner. Seinen Berufswunsch behält er zunächst für sich. Hätte er ihn ausgeplaudert, hätte das „ungefähr dieselbe Reaktion hervorgerufen, wie wenn ich verkündet hätte, Filmstar werden zu wollen“.

Trotzdem arbeitet er fortan auf sein Ziel hin, Raumfahrer zu werden. Er macht mit 15 seinen Segelflugschein, absolviert ein Militärcollege, wird erst Kampf-, dann Testpilot für die kanadische Luftwaffe, absolviert ein zusätzliches Ingenieurstudium in Luft- und Raumfahrtechnik. 1992 bewirbt er sich bei der kanadischen Weltraumagentur CSA als Astronaut – zusammen mit 5329 weiteren Bewerbern. Nach einem zähen Auswahlverfahren, nach schier endlosen Tests und Bewerbungsgesprächen wird er schließlich genommen. Er ist jetzt offiziell kanadischer „Astronaut“. Eine Bilderbuchkarriere oder, wie Hadfield schreibt, der „typische Weg für jemanden in diesem Bereich, schnurgerade.“ Aber „die Wirklichkeit sah ganz anders aus, dauernd irgendwelche Haarnadelkurven und Sackgassen.“ Es reicht eben nicht, muss Hadfield bald feststellen, das man zum Astronauten gekürt wird, man muss erst mal einer werden.

Liest sich der Anfang seines Buches tatsächlich wie eine typische Heldenbiografie, so wandelte es sich bald in eine ganz erstaunliche Mischung aus Erlebnisbericht und Ratgeber. Wir erfahren, was man als Astronaut eigentlich den ganzen Tag so macht: Man ist die meiste Zeit auf der Erde (und es ist nicht sicher, ob man überhaupt jemals ins All fliegt) und man trainiert, simuliert den Einsatz unentwegt, man lernt, „wie ein Astronaut zu denken“.

„Was machen wir mit der Leiche?“

Woran denkt ein Astronaut? Glaubt man Hadfield, dann vor allem wohl daran, was alles schiefgehen kann und wie, falls etwas schiefgeht, man darauf reagieren muss. Nicht von ungefähr heißt eines der Kapitel im Buch „Die Kraft des negativen Denkens“. Jede vorstellbare Situation wird am Boden geprobt: Rauch und Feuer im Raumschiff, die Verwundung und sogar der Tod eines Astronauten auf der ISS – „Todessimulation“ nennt das die Nasa: „Okay, was machen wir mit der Leiche?“

„Halte dich mit Kleinigkeiten auf“ heißt ein weiteres Kapitel des Buches. Um die Menge an Unvorhergesehenem möglichst gering zu halten, muss am Boden auf jedes Detail, noch auf die kleinste Kleinigkeit geachtet werden. Alles wird in Regeln, Handbüchern und Checklisten festgehalten, alles baut aufeinander auf, denn schon geringe Fehlfunktionen können desaströse Folgen haben – wie 1971, als das defekte Lüftungsventil einer Sojus-Kapsel alle drei Kosmonauten beim Wiedereintritt in die Atmosphäre tötete, oder 2003, als ein gelöstes Stück Schaumstoff die „Columbia“-Katastrophe verursachte. Bei der Lektüre des Kapitels bekommt man eine Ahnung davon, warum bei uns auf der Erde große Projekte regelmäßig schiefgehen – warum beispielsweise auf einem Großflughafen die Rolltreppen zu kurz sind –, weil sich nicht ausreichend um solche Kleinigkeiten wie die Länge einer Rolltreppen gekümmert wurde. Wie aber bekommt man die zahllosen Kleinigkeiten zusammen? Durch Teamwork. Nicht die große Geste, sondern die unermüdliche Zusammenarbeit ist gefragt. Hier gibt Hadfield einen Rat, der Top-Manager aufhorchen lassen dürfte: „Bemühe dich, eine Null zu sein.“

Hadfield hat gelernt, dass man in jeder neuen Situation „einer von drei Kategorien zugeordnet wird. Minus eins: aktiv schädlich, jemand, der Probleme schafft. Oder null: jemand, dessen Auswirkungen neutral sind und der keinen Ausschlag in die eine oder die andere Richtung gibt. Oder man wird als Plus eins betrachtet: Als jemand, der aktiv ein Gewinn ist. Natürlich möchte jeder eine Plus eins sein.“ Leider führt dieses Bedürfnis nur allzu oft dazu, dass man zu einer Minus eins wird. Da alle in irgendeiner Weise von allen abhängig sind, werden arrogante Einzelgänger oder „jemand mit einem Überlegenheitskomplex“ in der Raumfahrt nicht gerne gesehen. Besser, man ist eine Null.

Am Ende der „Anleitung zur Schwerelosigkeit“ ist man dann doch ein wenig neidisch auf den Autor. Denn Hadfield ist sich der Vergänglichkeit der Dinge bewusst – und nicht unglücklich deswegen ist. „Welcher Film hat vor fünf Jahren den Oscar für den besten Film bekommen? Wer hat bei den Olympischen Spielen Gold im Eisschnelllauf gewonnen? Das wusste ich mal. Damals waren das große Ereignisse, doch schon kurze Zeit später erinnerten sich eigentlich nur noch die Beteiligten selbst daran.“ Oder, wie es in seiner Version des Bowie-Songs heißt: „Planet Earth is blue and there’s nothing left to do.“

Chris Hadfield Anleitung zur Schwerelosigkeit. Was wir im All fürs Leben lernen können. Heyne, München. 368 S., 19,99 Euro