Popkritik

Stillstehen zwecklos: Der alte Mann und die wilde Horde

George Clinton gibt sich im Astra leger und energisch

Ohne ihn gäbe es keinen Funk. Und ohne ihn wäre der Hip-Hop nicht das, was er heute ist. George Clinton gilt als der meistgesampelte Musiker des Planeten. Er hat der populären Musik mit seinen Formationen Parliament, Funkadelic und P-Funk-Allstars seit Ende der 60er-Jahre immer neue Impulse gegeben, hat immer neue Möglichkeiten aufgezeigt, hat unzählige Musiker durch seinen ungezähmten Sound inspiriert. Er ist der Mastermind, der dem Chaos eine Form gibt, der Blues und Psychedelic, Gospel und Soul, Rhyhtm ’n’ Blues und harten Rock zu seinem einzigartigen Groove vereint hat.

Vor einer Woche ist er 73 Jahre alt geworden. Doch noch immer steht der Bär von einem Mann dort, wo sein Herz aufgeht, auf der Bühne, im Rampenlicht, vor Menschen, die er mit seiner Musik in glückselige Euphorie katapultiert. Und das vom ersten Ton an. Wie jetzt im gut gefüllten, aber längst nicht ausverkauften Astra Kulturhaus, mit einer Entourage von rund 20 Musikern und Tänzern, Sängerinnen und Sängern. Eine so ausgeflippte wie hochmusikalische wilde Horde ist das, die von Clinton durch eine zweieinhalbstündige Tour de force getrieben wird. Stillstehen ist zwecklos.

Das Mutterschiff ist gelandet. Die Zeiten, da Clinton noch ein ausgewachsenes Raumschiff auf die Bühne schweben ließ, sind freilich vorbei. Und auch die regenbogenfarbenen Rastalocken, die stets Clintons Markenzeichen waren, sind verschwunden. Doch geblieben ist die Energie, mit der Clinton und seine Band, die er inzwischen der Einfachheit halber Parliament Funkadelic nennt, der Musik die Sporen geben, mit satten Bläsersätzen, vielstimmigen Chorgesängen, meditativem Geblubber und polyrhythmischen Purzelbäumen.

Ständig ist Bewegung auf der prallvollen Bühne. Zwei Bassisten sind dabei, die sich das Instrument teilen. Ebenso wie zwei Drummer, die sich am Schlagzeug abwechseln. Ein graubärtiger Ansager mit Grabesstimme heizt die wogende Menge immer wieder an, Sänger wechseln sich bei verschiedenen Stücken ab am Mikrofon und drei Sängerinnen singen und tanzen so lasziv wie stimmstark an der Seite. Zwei Keyboarder gibt es auch. Für satte, kantige Bläserriffs sorgen der wendige Greg Thomas am Saxofon und der körpermächtige Bennie Cowan an der Trompete. Und mitunter stehen gleich drei Gitarristen auf der Bühne, die dem Funk die Sporen geben und die, wie Ricardo „Ricky“ Rouse, zwischendurch in solistische Eskapaden in bester Hendrix-Manier ausbrechen. Und mittendrin in dieser vielköpfigen Reisegesellschaft steht George Clinton mit grünem Hütchen und Freizeitlook samt zu kurzer Krawatte.

Er singt mal mit einem geradezu warmen Bariton, dann wieder mit rau-räudigem Gebrüll. Er rezitiert, er rappt, er regelt den Lauf des Abends mit strenger, sicherer Hand und dirigiert seine kosmische Crew durch ein mehr als fünf Dekaden umfassendes Repertoire. Eine Legende bei der Arbeit. Bereits 1955 hat Clinton mit seiner damaligen Doo-Wop-Truppe The Parliaments die Hitsingle „(I Wanna) Testify“ aufgenommen. Die gibt es an diesem Abend in einer satten P-Funk-Version ebenso wie die klassische pulsierende Botschaft „One Nation Under One Groove“. Und ja, auch den Klassiker „Maggot Brain“ aus den 70-ern gibt es, die instrumentale Gitarrenhymne, die auch bestens ins Repertoire einer Heavy-Metal-Band passen würde. Was für ein begeisterndes, lustvolles Konzert. Immer wieder wird das Publikum mit skandierten Parolen zu schweißtreibender Bewegung animiert.