Oper

Feine Göttergesellschaft

Nach den ersten Abenden des Castorf-„Rings“ in Bayreuth stehen die Zeichen auf Zwist

Es gibt echte Nieten-Jahrgänge in Bayreuth. Diesmal – premierenfrei wie üblich nach einem neuen „Ring“ – sind fast alle Pilgerstätten des echten Wagnerianers in restauro. Das Festspielhaus: eingerüstet. Villa Wahnfried: hinterm Bauloch verriegelt. Auch das Markgräfliche Opernhaus ist zu.

Dennoch kann man gerade in solchen Bayreuth-Jahren, und zwar an explodierenden Publikumsexaltationen und am dionysischen Koller der Wiederaufnahme-Premieren, das wahre Funktionsprinzip der „Werkstatt Bayreuth“ bewundern. Hier hat noch jeder Erfolg mit einem Skandal begonnen. Das bedeutet umgekehrt: Auch schwächliche Produktionen wie etwa Jan Philipp Glogers „Holländer“ (immerhin unter Christian Thielemann) arbeiten sich hier Jahr für Jahr näher zum Himmel hinauf.

Castorfs Rebellion

Von ansteigender Hochstimmung profitiert auch Frank Castorfs „Rheingold“. Zwar hat der alte VolksbühnenHaudegen gegen die stillschweigende Umbesetzung seines Alberich öffentlich rebelliert. Sommertheater ist’s! Oleg Bryjak als neu eingewechselter Nibelung hat eine Gastwirtswampe und eine derartige Brachialstatur, dass er sogar die Hell’s Angels das Beten lehren könnte. Bryjak gelingt es, trotz stimmlich nasalem Nückern, diesen Alberich immerhin als Hauptfigur des gesamten „Rings des Nibelungen“ glaubhaft zu machen. Und das ist auch gleich eines der exegetischen Hauptverdienste dieses erstaunlich frischen Castorf-„Rings“: Alberich wird einmal nicht als lästiger Eindringling in einer Tragödie vorgestellt, die den Namen „Wotan“ trägt. Sondern als Protagonist schlechthin.

Führt man sich die jahrzehntelange Karriere von Frank Castorf als dem wichtigsten Stichwortgeber des Nachwende-Theaters vor Augen, so kann man sich über die Unvernutztheit seiner Wagner-Bilder ohnehin nur wundern. Walhall als ramponierte Texaco-Tankstelle. Die Rheintöchter als drei Flittchen vom Golden Shower-Pool. Dazu eine Götter-Gesellschaft blasser Schlägertypen, zwischen denen Wotan als Zuhälter unter vielen nicht weiter auffällt. Das ist doch was!

Und das Gold als Chiffre für Öl? Keine üble Idee, auch wenn am Ölbohrturm von Baku, auf dem die ganze „Walküre“ spielt, das Schwert Wotans ein reichlich anachronistisches Requisit zu sein scheint. Doch so geht es eben, aller rebellischen Drohgebärden Castorfs unerachtet, bei der „Ring“-Inszenierung eines Mannes, der sich inzwischen auch im fortgeschrittenen Mannesalter befindet. Er wurde vor wenigen Tagen 63 Jahre alt. Man muss übrigens auch nicht alles verstehen! Erst beim pelzbesetzten Auftritt der warnenden Ur-Wala („Weiche, Wotan, weiche...“) wird einwandfrei das Grundmotto dieser Inszenierung klar: „Alles Schlampen außer Erda!“ – Und das ist immerhin einmal eine zeitgemäße Erkenntnis für ein zu oft inszeniertes und zu oft interpretiertes, hier taufrisch delirierendes und divergierendes Mammutwerk.

Wenn man dergleichen nur auch von den Sängern sagen dürfte! In der mittelprächtigen Besetzung des „Rheingold“ machen eigentlich nur Markus Eiche als Donner und Nadine Weissmann als dezente Lana Turner (alias Erda) gute Figur. Vor allem kriegen der zu alerte Wolfgang Koch als Wotan und Claudia Mahnke als hell-rutschig timbrierte Fricka stimmlich kein Bein an die Erde. Das Gesangs-Level ist hier mitunter so weit unter Festspiel-Niveau, dass sogar Christian Thielemann öffentlich in Bayreuth verlauten ließ, die Besetzungen müssten besser werden.

„Wir brauchen in Bayreuth die allererste Sahne“, so der gewohnt burschikose Berliner. Und eben in dieser Hinsicht sei „im Moment Luft nach oben“. Festspielchefin Katharina Wagner, die daneben saß, lächelte verkniffen. Und als hätten sie’s gehört, singen am Tag darauf der nämliche Wolfgang Koch als Wotan und dieselbe Claudia Mahnke als Fricka das Götter-Ehepaar in der „Walküre“ ganz herrlich.

Und schon tritt erneut die wahre Wirkkraft Bayreuths auf den Plan. Es ist sonnenklar, dass bei dieser „Walküre“ Castorf erstmals die Enge hiesiger Probenpläne unerbittlich zu spüren bekam. Er fand keine Zeit, hier groß zu wirken. Im Grunde spürt man bei dieser „Walküre“ die Einstellung des Regisseurs: „Macht doch Euern Kram alleine...“

Petrenkos Kunststück

Das wahre Wunder dieser ersten „Ring“-Hälfte heißt ohnehin: Kirill Petrenko. Der Wurzelzwerg unter den internationalen Dirigier-Stars bringt das Kunststück fertig, einen so aufgeräumten Wagner, so erleichtert, erschüttert und neu zusammengesetzt aus dem Graben herauf blinken und blitzen zu lassen. Hinreißend! Unerklärlich gut.

Es ist ganz klar, dass Petrenkos mauselochfeiner Wagner ein veritabler Gegenpol zu Christian Thielemanns monumentalem Goldpuder-Wagner ist. Bahnt sich da am Ende ein Krieg der Ästheten untereinander an? Das Bayreuther Thielemann-Monopol scheint nach dieser ersten „Ring“-Hälfte gebrochen. Endlich ein Nibelungen-Zwist!