Musik

Eine nach der anderen Zofe

Nachts im Mozart-Museum: Mit Sven-Eric Bechtolfs „Don Giovanni“ werden die Salzburger Festspiele eröffnet

In Zürich war es 2006 eine Mischung aus Bar und Ballsaal, jetzt ist es eine Hotelhalle mit Bar. Dabei kann man Salzburgs Schauspielchef und bald auf zwei Jahre interimistischem Intendanten Sven-Eric Bechtolf gar nicht vorwerfen, dass er sich in seiner zweiten Regie-Annäherung an „Don Giovanni“ wiederholen würde. Vieles ist jetzt ganz anders. Man erlebt, terminiert als Opernauftakt des diesjährigen Festivals an der Salzach und Mittelstück der mit Christoph Eschenbach am Pult erarbeiteten Mozart-/Da-Ponte-Trilogie, keinen Aufguss. Trotzdem ist es ziemlich alt aussehendes Musiktheater.

Gefühlte 25 Jahre könnte diese Inszenierung klanglich wie optisch auf dem Buckel haben. Wir sind in einem dieser hübsch glatten, aber auch öd nichtssagenden Einheitsgelasse, wie sie Rolf Glittenberg schon Anfang der 90er-Jahre in zeitloser Eleganz baute. Auch an den fein fallenden Roben, die seine Frau Marianne schneidern ließ, ist nichts auszusetzen, außer dass Reptilienprint für den ewigen Verführer eben ziemlich out ist.

Darüber hinaus darf Ildebrando D’Arcangelo, der – wie sein ewiger, gepflegt lyrisch und schön singender Leporello Luca Pisaroni – die Rolle auch schon ziemlich lange singt, noch nackte Arme unter der Abendweste zeigen. Dafür freilich schmiert die etwas knarzig gewordene Stimme nonchalant durch die Noten, auch mit den rhythmischen Werten nimmt er es nicht so genau.

Der längst bekennende Wertkonservative Bechtolf mag sich mit dem üblichen Giovanni-Weltbild unserer Regietage – ein Cyber-Pornograf in der Internetsexhölle – nicht anfreunden. Das ehrt ihn. Er besteht auf den für das Schöpferduo so wichtigen sozialen Unterschied zwischen den Protagonisten. Und er mag den von seiner Libido gehetzten Libertin, der sich alles nimmt, weil er frei ist, unbedingt als „romantischen Held von metaphysischen Dimensionen“ sehen. Alles schön. Aber warum führt Bechtolf dann so banal sein Personal vor? Warum dieser Giovanni immer nach der nächsten Zofe hechelt, wenn er gerade noch dem Stubenmädchen Zerlina (die schönste, charakteristischste Stimme des Abends: Valentina Nafornita) im Duett die Hand reicht – es wird nicht klar. In diesem seltsamen Grand Hotel, das vollends aus den Fugen gerät, stimmt nichts wirklich, obwohl beständiger Realismus behauptet wird.

Während der Ouvertüre, die Eschenbach und die Wiener Philharmoniker bereits so schokoladenüppig und dabei biskuitweich nehmen wie den Rest der Partitur, verharrt die glamouröse Statistengesellschaft still, und Don Giovanni checkt ein. Das Licht ist kalt, eine rote Teufelsfratze taucht hinter dem Tresen auf, ein nackter weiblicher Satan wartet im zentralen Zimmer oben auf der Galerie. Doch die Hoffnung, Bechtolf könnte sich hier der kalten Vivisektionshaltung von Pasolinis „Salò oder die 120 Tage von Sodom“ anschließen, ist so schnell verblasen wie die Kunstwolken. Es bleibt ein Budenzauber.