Kunst

Direktor ohne Museum

Thomas Köhlers Berlinische Galerie ist geschlossen. Was macht er in dieser Zeit eigentlich?

Der Mann hat Nerven und, na ja, einen ziemlich guten Sinn für die Kunst in allen Formen. Er geht gerade durch ein komplett ausgeräumtes Museum, die Berlinische Galerie, rundum Hunderte Gerüste, Stangen, Spanholzplatten auf dem Boden. Eine große Baustelle. 4500 Quadratmeter Ausstellungsfläche mussten entleert werden. Kein Bild mehr, nirgends. „Kuns in Be“ steht an der Wand, da fehlen die Buchstaben für die Kunst in Berlin. Irgendwie traurig. Wer kratzt eigentlich ein T von der Wand oder ein L? Ein bisschen Dada darf sein.

Thomas Köhler, der Museumschef, steht da, mit dem blauen Bauhelm auf dem Kopf und dem hellen Sakko und sagt trocken: „Die Gerüste haben hier eine ganz eigene ästhetische Qualität.“ Er zeigt auf die ineinander verschränkten Stahlstützen in der großen Halle, sie reichen bis zur Decke, die Struktur hat tatsächlich etwas Grafisches. „Das lassen wir so!“ Er lacht. Wahrscheinlich macht er sich selbst auch etwas Mut. Er rückt den Bauhelm zurecht und zeigt auf die Videolounge, die keine mehr ist. Ein Klebeband verkleistert den Eingang, ein Lüftungsrohr guckt da raus. Drin sind Georg Baselitz und Emilio Vedova, große Werke beider Künstler, die finden sonst keinen Platz im Depot.

Vier Liegestühle in Froschgrün

Seit 1. Juli ist die Berlinische Galerie dicht. Die gesamte Sprinkleranlage wird erneuert. Die alte stammt noch aus Zeiten, wo das Gebäude ein Glaslager war. Also muss die ganze Decke überall runter, eine neue dran. Das Team der Restaurierung durfte umziehen, der Studiensaal auch, nun sind alle im Auditorium untergekommen. Im Interimsbüro hat man sich zwischen all den Kisten und Aktenordnern ganz ordentlich eingerichtet. Vor der Tür läuft gerade eine Dame vom Besucherdienst mit gewaltigem Schlüsselbund um den Hals vorbei, sie passt gerade nicht auf die Kunst auf, sondern auf die Bauarbeiter.

„Temporarily closed“ steht draußen auf einem rosafarbenen Button, der klebt an der Fassade der Berlinischen Galerie. Vor der Tür stehen vier Liegestühle in Froschgrün, so wie derzeit in vielen Beach-Bars. Für Gäste, die kommen, weil sie nichts von der Sanierung wissen. „Sie sollen zumindest einen offenen Eingangsbereich vorfinden“, meint Köhler. Dort gibt es ein Video zur Berlinischen Galerie zu sehen, ein Liegestuhl auch davor. Ein Amerikaner schaut sich das ganz vergnüglich an, Stöpsel in den Ohren. Fünf Besucher sind an diesem frühen Mittag da. Kataloge liegen an einem kleinen Tresen aus. Damit alle wissen, was man hier sehen könnte. Im Januar, wenn die Bauplanung rund läuft, wer weiß das schon, kann Thomas Köhler mit der Kunst wieder einziehen ins Museum. Sechs bis acht Wochen braucht er dann, um die Sammlung im oberen Stockwerk – mit Werken von 1870 bis 1980 – wieder einzurichten. „Mit anderen Schwerpunkten und Neuzugängen“, erklärt er.

Die Einbußen vom Ticket- und Katalogverkauf während der Schließzeit betragen an die 200.000 Euro. Kann man das kompensieren? „Nö“, sagt der Chef. Die Sanierung immerhin zahlt das Land Berlin. Einige schlaflose Nächte hat Köhler schon gehabt, als er von der Maßnahme erfuhr. „Ein geschlossenes Museum wünscht man sich nicht. Und es lief gerade so toll.“ Für einige seiner Mitarbeiter sei das ein richtiger Schock gewesen, die Schließung rührt an Erinnerungen, an eine Zeit, als die Berlinische Galerie jahrelang ohne Domizil war. 1997 musste die Institution den Gropius-Bau verlassen, weil dieser im Besitz des Bundes als internationales Ausstellungshaus neu aufgestellt wurde. Das war lange vor Köhlers Zeit in Berlin. „Trotzdem war das Museum in dieser Schließzeit auch in meiner Wahrnehmung verschwunden, obwohl es in Berlin und andernorts Stationen bespielte. Das hat dem Haus nachhaltig geschadet“, findet er.

Was macht Thomas Köhler eigentlich so den lieben langen Tag ohne sein Museum? Diese Frage findet er kurios. Dass man denken könnte, er hätte nichts zu tun, nur weil keine Besucher kämen. Er hat mehr als vorher um die Ohren, sagt er. Jetzt kommen noch die Bausitzungen dazu. Wie soll die neue Decke aussehen? Welche Gestaltung, welche Akustik? In einigen Räumen gilt es, die Lichtführung zu optimieren. Alle diese Entscheidungen liegen auf seinem Schreibtisch.

Eindeutig aber richtet er seine Aufmerksamkeit auf das Jubiläumsjahr 2015. 40 Jahre wird das Museum in Kreuzberg. Die Geburtstagsschau widmet er einem Künstler der Klassischen Moderne: Max Beckmann. Nix Neues, könnte man da nun kritteln, oft gezeigt, oft gesehen. Doch in der Berlinischen Galerie will man sich ganz auf dessen Berliner Zeit konzentrieren. Zwei Mal lebte der Künstler in der Stadt, vor dem Ende des Ersten Weltkrieges bis Ende 1918, und dann nach 1933. „Berlin war für ihn immer wichtig, auch in der Zeit, wo er in Frankfurt war“, erzählt Köhler. Die „Berliner Reise“ und die Tagebuchaufzeichnungen sind da gute Quellen. Die Vorbereitungszeit für Klassische Moderne hat es in sich, für die Leihgaben braucht es Zeit, berichtet er, die Gemälde sind gefragt und sehr beliebt, oft schon für andere Projekte gebucht. Und nicht immer wollen Museen diese Highlights auch aus dem Haus geben.

Thomas Demand liebt es kalt

Gerade tüftelt Köhler am Küchenmonument. Oha! Das aber ist keine neue Spüle, sondern eine temporäre Architektur von der Designertruppe Raumlabor Berlin. Wenn man so will, eine Skulptur zum Aufblasen, ziemlich aufwendig also. Sie war schon auf der Architekturbiennale in Venedig und soll im August für einige Veranstaltungen vor dem Museum stehen. 120 Menschen können in diesem „begehbaren Blubber“ Platz finden. Drinnen kann man diskutieren, „um Themen wie Stadt und Stadtraum soll es gehen“, sagt Köhler. „Die Leute wollen sie anfassen, reingehen, das interessiert viele“, glaubt er.

Thomas Köhler will uns noch schnell die Depots zeigen, damit wir sehen, wo eigentlich die Kunstwerke untergebracht sind. Thomas Demand jedenfalls liebt es kalt. Sein „Fenster“ ist bei 15 Grad eingestellt. Farbfotografien brauchen dieses Klima. Von Bernd Zimmers „Warschauer Brücke“, 28 Meter lang, 1978 entstanden in einer sehr langen Nacht im Club SO 36, ist nicht mehr viel zu sehen. Das furiose Gemälde sieht aus wie eine Teppichrolle in XXL. Im Schrank 143-08 sichten wir einen Karton voll Patronenhülsen. Die sind auch wirklich drin. Lisa Schmitz steht auf dem Paket oder heißt es Schütz? So genau ist der Name nicht zu entziffern. Ein Depot birgt halt viele Kuriositäten. Vielleicht wäre das auch mal eine Ausstellung.