Konzert

Hier schunkelt das Tattoo

So massentauglich ist Punk: Die Broilers erfreuen ihr Publikum in der Zitadelle

Man kommt sich ein bisschen vor wie auf einer Tattoo Convention. Soviel handgestochenen Körperschmuck sieht man selten an einem Ort vereint, wie am Sonnabend in der mit rund 9000 verschwitzten Besuchern dicht gefüllten Zitadelle Spandau. Die sind gekommen, um einer Band zu huldigen, die seit mittlerweile 20 Jahren besteht, die aber bis vor ein paar Jahren kaum wahrgenommen wurde. Die Broilers aus Düsseldorf.

Mit Feine Sahne Fischfilet aus Mecklenburg-Vorpommern und Bombshell Rocks aus Schweden stimmen gleich zwei höchst unterschiedliche Punkbands im Vorprogramm auf den außergewöhnlichen Abend ein. Der Sound ist noch durchwachsen, die Stimmung ist gut, die Euphorie wird für den Hauptact aufgespart. Der kündet sich kurz vor 21 Uhr mit einem lautstarken „If The Kids Are United“ von Sham 96 aus den Lautsprechern an.

Erfolg kam mit den Toten Hosen

Während die fünf Musiker sich hinter dem schwarzen, totenkopfverzierten Vorhang postieren, erklingt spanische Gitarrenmusik, zu der dichter schwarzer und roter Rauch den Bühnenbereich und die ersten Reihen mächtig einnebelt, bevor die Broilers mit ihrem Song „Zurück zum Beton“ ein Konzert beginnen, bei dem das Publikum aber auch nahezu jeden Song lautstark mitsingt. Nach „Zurück in Schwarz“ legen sie gleich einen Klassiker der Frühzeit ins Feuer, das Biertrinkerlied „In 80 Tagen um die Welt“ vom 97er-Album „Fackeln im Sturm“.

Auch wenn sie inzwischen im Rock-Mainstream angekommen sind, vergessen die Broilers keineswegs ihre Anfänge als eine der antirassistischen Skinhead- und Rudeboy-Szene verbundene Ska-Punk-Band. Oi-Punk nannte man das damals, daher das „oi“ im Bandnamen, der mit halben VEB-Hähnchen eher nichts zu tun hat. Als Sänger und Gitarrist Sammy Amara gemeinsam mit seinem Kumpel und Schlagzeuger Andi Brügge 1994 in Düsseldorf The Broilers gründeten, blieben sie lange Zeit ein Stück der lokalen Punkrock-Szene und waren deutschlandweit allenfalls einem verschworenen Fankreis ein Begriff.

Das änderte sich, als die andere Band aus Düsseldorf, Die Toten Hosen, die Broilers unter ihre Fittiche nahm. Sie schleiften sie mit auf Tournee, sie verschafften ihnen einen Vertrag beim eigenen Plattenlabel, und sie produzierten 2011 das Album „Santa Muerte“, das es auf Platz 3 der deutschen Charts schaffte. Ausverkaufte Tourneen folgten und mit der Anfang dieses Jahres erschienenen Platte „Noir“ haben die Broilers den Durchbruch geschafft. Das Album schoss auf Platz eins der Hitlisten

„Berlin, wie geht es Dir?“, fragt Sammy Amara im weißen Unterhemd, das, na klar, großflächige Tattoos freilegt. Und er schwärmt: „Diese wunderbare Location. Dieses wunderbare Wetter. Manchmal hat man eben Schwein, oder nicht?“ Er verstehe nicht, wie man Menschen, die Hilfe brauchen, die Nase vor der Tür zuschlage, sagt Amara vor dem neuen Song „Ich will hier nicht sein“, in dem er die Flüchtlingsproblematik in Deutschland anprangert. Der Videoclip dazu entstand in zwei Berliner Asylbewerberheimen mit Flüchtlingen, die darin auch zu Wort kommen. „Wir haben die Menschen, die für unser Video ihr Gesicht gezeigt haben, eingeladen. Sie sind heute Abend hier unter uns“, sagt Sammy Amara unter Applaus.

Die Broilers erfreuen das Publikum mit ihrem markanten und massenkompatibel gewordenen Punkrock. Alle singen mit. So auch die Zeilen „Ich wollte nie wie all die Andern sein, ich weiß besser, was ich will, das entscheide ich allein“ aus „Nur nach vorne gehen“, dem Song, der den aufgeheizten Abend nach gut 90 Minuten vorerst beendet.

An Zugaben wird nicht gespart. Und der Jubel vor der Bühne nimmt orkanartige Ausmaße an.