Nachruf

Er wurde mit sämtlichen Primadonnen verkuppelt

Eben noch feierte der epochale Verdi-Tenor Carlo Bergonzi seinen 90. Geburtstag. Jetzt ist der einzigartige Opernsänger gestorben.

In Italien galt er als „tenore verdiano del secolo“: als Verdi-Tenor des Jahrhunderts. Das soll einem eine Lehre sein. Denn Carlo Bergonzi war gerade kein Verdi-Brüllaffe, keine Testosteronschleuder und auch kein auftrumpfender Kraftprotz. Sondern ein Gegenmodell zur übermächtigen Konkurrenz der virilen Arena-Stimmen von Franco Corelli, Mario del Monaco und Giuseppe di Stefano. Ein Stilist.

Schwerelos und leicht, mit mühelos anspringender Attacke und einem nasal heldischen Timbre, war er der Inbegriff kontrollierter Ekstase innerhalb der italienischen Oper. Nicht dass er einem Rodolfo oder Calaf das Mindeste an Aplomb oder Passion schuldig geblieben wäre. Ein Triumph der Gesangstechnik, ein Bewusstsein dafür, dass die Grenzen einer Stimme ihre Stärke sind, verlieh seinem Gesang Flügel. So wurde er von Fachleuten und Sängern neidlos angestaunt für ein Idealmaß an Kunstfertigkeit und gesanglichem Benimm, wie man dies sonst nur bei Alfredo Kraus oder bei Nicolai Gedda antraf. Bei Generationskollegen also, die uns nachträglich demonstrieren, wie reichhaltig differenziert die Tenor-Landschaft bis in die 80er-Jahre hinein bestückt war.

Unübersehbares Werk

Geboren am 13. Juli 1924 in Vidalenzo – genau zwischen den Verdi-Orten Busseto und Sant’Agata –, begann Bergonzi erstaunlicherweise als Bariton. Sogar Tullio Serafin, der Entdecker der Callas, hielt ihn dafür. Sein Debüt als Figaro in Rossinis „Barbiere“ (Lecce 1948) schien eine solide Laufbahn als Silvio, Alfio, Germont père und Rigoletto zu verheißen; Rollen, die Bergonzi bis 1950 auch alle sang. Schon ein Jahr später debütierte er in Bari in der Tenor-Macker-Partie des Andrea Chenier. Um sich in den folgenden Jahrzehnten vor allem Verdi zuzuwenden. Carlo Bergonzi war der Erste, der in den 70er-Jahren dessen 31 Tenor-Arien (aus 25 Opern) zu einer großen Sammlung vereinte: eine Inkunabel des Verdi-Gesangs der Stereo-Ära. Später diente sie Plácido Domingo als Vorbild für eine ähnliche Box.

Wer sich im Wust unübersehbarer Opern-Gesamtaufnahmen Bergonzis zurechtfinden will, hat es nicht schwer. Sie sind alle gut. In Zeiten großer Exklusivverträge wurde er mit fast sämtlichen Primadonnen seiner Zeit verkuppelt. Zunächst als Partner von Renata Tedaldi (mit der er gemeinsam studiert hatte). Überragend ihr „Don Carlo“ 1964 unter Georg Solti, „Madama Butterfly“ und „Bohème“ unter Tullio Serafin 1958/59, ebenso „Aida“ 1959 unter Herbert von Karajan.

Zwischendurch half Carlo Bergonzi bei der jungen Joan Sutherland aus („La Traviata“ 1962). Danach bei Renata Scotto („Rigoletto“ 1963 unter Kubelik und „Butterfly“ 1966 unter Barbirolli). Dann kam Leontyne Price („Ballo in maschera“ 1966, „Ernani“ 1967). Und schließlich Montserrat Caballé („Traviata“ 1967 unter Prêtre). Kurz: Bergonzi war der versatile Damenbeglücker vom Dienst. Und nicht ein einziges Mal hat er die Erwartungen enttäuscht.

So sicher fühlte er sich – und so überragend war er auch –, dass sich im Lauf der sich streckenden, länger und immer länger werdenden Karriere bei ihm ein Lebenstraum kristallisierte. Man könnte wohl auch sagen: Es war ein Phantomschmerz. Er wollte einmal im Leben Otello singen. Im Jahr 2000, er war damals fast 76 Jahre alt, versammelte sich die Großgemeinde von Fans und Stimmfetischsten in der New Yorker Carnegie Hall zu einer konzertanten Aufführung von Verdis Spätwerk. Sogar die „Drei Tenöre“ Luciano Pavarotti, Placido Domingo und José Carreras saßen bei diesem Konzert gemeinsam in einer Loge. Doch nach zwei Akten war die Katastrophe da. Denn Carlo Bergonzi musste abbrechen. Ein auf YouTube zu sehender Probenmitschnitt indes zeigt, dass Bergonzi vorher die ganze Rolle voll ausgesungen hatte – und sich damit vermutlich überanstrengt hatte.

So endete die Karriere dieses stilvollen Giganten mit einer bitteren Pointe. Zum Erfolgskurs seiner beispielhaft nachhaltigen Laufbahn passte sie nicht. In Verdis Geburtsort Busseto, wo er auch das Hotel „I due Foscari“ eröffnet hatte, wirkte Bergonzi jahrzehntelang alljährlich als Lehrer – unter anderem von Salvator Licitra und Luca Pisaroni. Er stand für die Tatsache, dass die sublime Beherrschung der Mittel den Schlüssel zur italienischen Oper bildet. Dass man dosieren muss, ohne geschmacklich den Kopf zu verlieren.

Am 13. Juli feierte er noch seinen 90. Geburtstag, nun hat einer der bedeutendsten Sänger des 20. Jahrhunderts die Bühne des Lebens verlassen: Carlo Bergonzi, der bereits kurz nach seinem Geburtstag ins Krankenhaus eingeliefert wurde, ist, wie seine Frau Adele bekannt gab, am 25. Juli gestorben.