Pop-Kritik

Beseelte Hüpfer, technisch virtuos und tanzbar

Portugiesische Klänge beim Wassermusikfestival

Das Wetter nimmt den Titel, mit Georg Friedrich Händel, etwas zu wörtlich: Pünktlich zur Eröffnung des Wassermusik-Festivals tropft der Tiergarten, tropft auf den moosgrünen Teich vor dem Haus der Kulturen der Welt. Eine Parade aus Regenschirmen schiebt sich dem Eingang entgegen. Dieses Jahr versammelt das Festival Musiker aus der portugiesischsprachigen Welt. Die nächsten drei Wochenenden noch sind sie zu erleben, Fausto Bordala Dias aus Portugal, der MC Cabo Snoop aus Angola oder die Allstar-Band Conjunto Angola 70.

Mit einem Set aus Klassikern wird das Festival eröffnet: Gilberto Gil, Chico Buarque, Antônio Carlos Jobim. Der Saal ist voll, Karibikfischdias schwimmen auf den hohen Fenstern. Flavio Tris, der Sänger, sieht im braunen Cordjacket aus wie ein britischer Collegestudent. Er macht immer wieder beseelte kleine Hüpfer. Technisch virtuos spielen sie und dabei mit viel Soul. Die Reihe der Coverversionen klingt dabei nie nach Jukebox. Sie wird zusammengehalten durch die ganz eigenen, filigranen Arrangements der Band. So entstehen Aktualisierungen, die nicht als Parasiten an der Größe der Originale kleben: Hommagen, die westliche Postkartenvorstellungen von lauen Nächten mit Cocktails am Strand aufnehmen und transponieren in eine differenzierte, schillernde, tanzbare Kunst. Das ist ebenso freundlich wie am Ende ihres Sets der Glückwunsch von Klarinettist Daniel Nogueiras zum Weltmeistertitel: „Ihr habt so schön gespielt, ihr verdient ihn.“ Und damit meint er irgendwie das ganze Publikum.

Als Mayra Andrade, gefeierte Sängerin von den kapverdischen Inseln, die Bühne betritt, wirkt sie wie eine schüchterne Dorfschönheit. Faszinierend, wie sie dann mit jeder Minute an Ausstrahlung gewinnt: Mal ist sie mädchenhaft charmant, dann stolze Diva, dann wieder große Schwester oder tragisch Liebende – immer aber, mit kleinen, präzisen Gesten, die Chefin im Laden. Sie setzt an, über ein Sample, das klingt als stamme es aus „Strawberry Fields Forever“, und singt sich den Rest des Abends völlig schwerelos durch ihr Repertoire.

Andrade textet viersprachig, und jedes Mal ist klar, warum das passt. Ihre englischen Songs etwa klingen ein wenig nach Radiohead, die französischen nach Nouvelle Chanson. Bei ihr – geboren in Kuba, dann Kap Verde, Senegal, Angola, Deutschland, Frankreich – wirkt das nie aufgesetzt. Sie steht einfach mit ihrer federnden, nahezu perfekten Band mitten im 21. Jahrhundert. Für die letzte Zugabe kommt sie allein auf die Bühne, singt a capella eine Morna, den Blues der Kapverden sozusagen. Ihre Musiker schummeln sich aus dem Backstagebereich ins Publikum, zum Zuhören.