Raubkunst

Neue Werke in Gurlitts Wohnung

Zwei Skulpturen könnten von Degas und Rodin sein. Herkunft wird geprüft

In seiner Wohnung in München-Schwabing hortete er unfassbar viele Gemälde. Im Nachlass des vor gut zwei Monaten verstorbenen Kunstsammlers Cornelius Gurlitt wurden weitere Kunstwerke gefunden. Sie werden nun umgehend auf NS-Raubkunst geprüft. Wie Experten der Taskforce „Schwabinger Kunstfund“ mitteilten, handelt es sich dabei um ein Bild und zwei Skulpturen, eine könnte von Edgar Degas stammen, die andere womöglich August Rodin zugeschrieben werden.

Die zuständigen Kunstverständigen bemühen sich derzeit um eine Bestandsaufnahme, um genauere Erkenntnisse über die Werke zu bekommen. Außerdem will die Taskforce sie in die Online-Plattform Lostart einstellen. Wo genau sie in der Wohnung von Gurlitt lagerten, war gestern nicht zu erfahren. Dabei handelt es sich um Werke, die 2012 nicht von der Staatsanwaltschaft Augsburg beschlagnahmt worden waren. Sie wurden der Staatsanwaltschaft München übergeben. Der vom Amtsgericht München bestellte Nachlasspfleger hat daraufhin die Taskforce gebeten, auch diese Skulpturen und das Bild zu überprüfen. Vielleicht handelt es sich ja um Raubkunst.

Internationales Politikum

„Wir bedanken uns für das große Vertrauen, dass uns durch die Überlassung dieser weiteren Kunstwerke entgegengebracht wird“, sagte Taskforce-Leiterin Ingeborg Berggreen-Merkel. „Diesem Vertrauen, das uns in unseren bisherigen Arbeiten bestärkt, wollen wir im Interesse der Opfer des NS-Kunstraubes wie auch der Erben von Cornelius Gurlitt durch weiterhin sorgfältige Recherchearbeiten und eine transparente Darstellung des neuen Fundes gerecht werden.“ Bayerns Justizminister Winfried Bausback (CSU) nannte es „eine gute Nachricht“, dass auch die neu entdeckten Werke einer Provenienzrecherche unterzogen werden.

Gurlitt, der mit dem überraschenden Fund seiner millionenschweren Bildersammlung in München und Salzburg monatelang im Zentrum der größten Kunst-Sensation der vergangenen Jahrzehnte stand, starb am 6. Mai. 1280 Werke waren im März 2012 in seiner Schwabinger Wohnung beschlagnahmt worden. Gurlitts Vater Hildebrand Gurlitt, der mit den Nazis über den Kunsthandel verbändelt war, hatte die Familiensammlung zu großen Teilen zusammengetragen. Der juristische Fall entwickelte sich schnell zu einem internationalen Politikum.

Kurz vor seinem Tod hatte der greise Kunstsammler überraschend einen Vertrag mit der Bundesregierung und dem Freistaat Bayern geschlossen, in dem er die Erforschung seiner Bilder auf Nazi-Raubkunst sicherstellte.

Er willigte zudem ein, Bilder gegebenenfalls an die rechtmäßigen Besitzer zurückzugeben. Die Staatsanwaltschaft wiederum erklärte sich bereit, die konfiszierten Bilder – darunter Beckmann, Matisse, Chagall – endlich an ihn zurückzugeben. Der Name Gurlitt steht heute im deutschen Museumsbetrieb für Fragen zu Raubkunst und Restitution, tatsächlich hat er Bewegung in die Forschung gebracht. Die Bundesregierung engagiert sich seitdem stärker und investiert in die NS-Recherche.

Gurlitt, der kinderlos war, hat das Kunstmuseum Bern in seinem Testament als Alleinerben bedacht. Bislang aber hat das Museum sich noch nicht entschieden, ob es diese mit vielen Fragen behaftete Erbschaft überhaupt annimmt. Die moralische Verantwortung trägt schwer. Zumal das Haus sichergehen möchte, ob es in der Lage ist, diese Sammlung zu pflegen – und gegebenenfalls Restitutionsforschung zu leisten. Der Fall bleibt spannend.