Botschaft

„Es gibt keine militärische Lösung“

Daniel Barenboim sieht nur einen Ausweg aus der Krise: Israelis und Palästinenser müssen gezwungen werden, miteinander zu reden

Ich schreibe diese Zeilen als Friedensbotschafter der Vereinten Nationen und als ein Mensch, der zwei Pässe besitzt: einen israelischen und einen palästinensischen. Ich schreibe sie mit schwerem Herzen, denn was seit einigen Wochen in Gaza geschieht, bestätigt meine seit langem bestehende Überzeugung, dass es keine militärische Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts gibt.

Es ist kein politischer, sondern ein menschlicher Konflikt zwischen zwei Völkern, die den tiefen und anscheinend unvereinbaren Glauben teilen, sie hätten ein Anrecht auf dasselbe kleine Stück Land, und zwar ohne das andere Volk. Eben daran, dass diese Tatsache vernachlässigt worden ist, sind alle Verhandlungen, alle bisher unternommenen Versuche, sich über eine Lösung des Konflikts einig zu werden, gescheitert. Anstatt dieses wahre Wesen des Konflikts anzuerkennen und eine Lösung dafür anzustreben, haben die Parteien bislang nach einfacheren und schnelleren Lösungen gesucht.

Doch wie bei allen wichtigen Angelegenheiten gibt es leider auch bei der Lösung dieses Konflikts keine Abkürzungen. Eine Abkürzung nützt nur dann etwas, wenn wir die Strecke kennen, die wir abkürzen wollen, und in diesem Fall besitzt niemand solche Kenntnis, denn das Wesen des Konflikts bleibt unverstanden und unerforscht.

Verheerende Verluste

Ich leide mit meinen israelischen Landsleuten, die derzeit in Angst leben: das ständige Geräusch abgefeuerter Raketen, das Gefühl, man selbst oder jemand, der einem nahesteht, könnte etwas abbekommen. Aber ich empfinde auch tiefes Mitgefühl angesichts der Not und furchtbaren Angst meiner palästinensischen Landsleute in Gaza, die tagtäglich so verheerende Verluste zu beklagen haben. Nach Jahrzehnten der Verheerungen und Verluste auf beiden Seiten hat der Konflikt heute einen zuvor unvorstellbaren Grad an Grausamkeit und Verzweiflung erreicht. Deshalb wage ich, darauf aufmerksam zu machen, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen sein könnte, um nach einer tatsächlichen und wahren Lösung für das Problem zu suchen.

Eine Feuerpause ist natürlich unverzichtbar, aber sie reicht bei weitem nicht aus. Der einzige Ausweg aus dieser Tragödie, die einzige Möglichkeit, noch mehr Tragik und Grauen zu verhindern, besteht eben darin, sich die Hoffnungslosigkeit der Situation zunutze zu machen und alle zu zwingen, miteinander zu reden. Es führt zu nichts, dass Israel sich weigert, mit der Hamas zu verhandeln oder eine Einheitsregierung anzuerkennen, nein, Israel muss den Palästinensern zuhören, die in der Lage sind, eine Sprache zu sprechen.

Als allererstes muss gemeinsam beschlossen, muss eine Einigung darüber erzielt werden, dass es keine militärische Lösung gibt. Erst dann kann man anfangen, zum einen über die Gerechtigkeit für die Palästinenser zu diskutieren, die längst überfällig ist, und zum anderen über die Sicherheit Israels, die die Israelis mit Recht einfordern. Wir Palästinenser haben das Gefühl, dass wir endlich eine gerechte Lösung bekommen müssen. Im Tiefsten streben wir nach Gerechtigkeit, nach den Rechten, die jedem Volk dieser Erde zustehen: Autonomie, Selbstbestimmung, Freiheit und alles, was damit einhergeht. Wir Israelis brauchen die Anerkennung unseres Rechts, auf demselben Stück Land zu leben. Die Teilung des Lands kann erst kommen, nachdem beide Seiten nicht nur akzeptiert, sondern verstanden haben, dass wir Seite an Seite zusammen leben können, aber ganz bestimmt nicht Rücken an Rücken.

Eine moralische Pflicht

Der Kern der so unabdingbaren Annäherung ist die Notwendigkeit, Erbarmen oder Mitgefühl miteinander zu haben. Meiner Meinung nach ist Mitgefühl nicht nur eine Empfindung, die aus dem psychologischen Verständnis der Notlage eines anderen Menschen resultiert – es ist vielmehr eine moralische Pflicht. Nur wenn wir versuchen, die Misere der anderen Seite zu verstehen, können wir einen Schritt aufeinander zugehen. Wie Schopenhauer schrieb: "Nichts kann (einen Menschen) so leicht auf die Bahn der Gerechtigkeit zurückbringen, wie die Vorstellung der Sorge, des Herzeleids und der Wehklage des Verlierers." In diesem Konflikt sind wir alle Verlierer. Wir können diesen traurigen Zustand nur überwinden, indem wir endlich das Leiden und die Rechte der anderen Seite zu akzeptieren beginnen. Nur mit einem solchen Verständnis können wir uns daran machen, eine gemeinsame Zukunft aufzubauen.